Heimat und Halt für junge Mädchen

Der Verein für Internationale Jugendarbeit feiert den 125. Geburtstag

Gleich vier außerordentliche Anlässe galt es am Montagabend in der Christuskirche festlich zu begehen – alle hatten sie mit dem Verein für Internationale Jugendarbeit zu tun.

Von Manuela Reimer

Auszeichnung zum 125. Geburtstag: Dr.Torsten Geißler überreichte Helga Schorr und Sabine Schlue vom vij (von links) die "Bildungsidee"-Urkunde für das "JUSTAment"-Projekt. Gabriela Oroz und Nicola Beer (rechts) gratulierten. Foto: Reichwein Oberursel. Eine Schutzkette über Ländergrenzen hinweg gegen Prostitution und Mädchenhandel, für junge Frauen, die infolge von Industrialisierung und Landflucht im ausgehenden 19. Jahrhundert in die Städte Europas strömten, um Anstellung als Dienstmädchen, Gouvernanten oder Fabrikarbeiterinnen zu bekommen – diese Idee bewegte schon 1877 eine Gruppe von 32 Frauen aus sieben Ländern dazu, die "Union Internationale des amies de la jeune fille", den Internationalen Verein der Freundinnen junger Mädchen, zu gründen.

Bald auch am Main

Was die englische Frauenrechtlerin Josephine Butler und die Deutsche Meta Baur anstießen, fand bald auch am Main Mitstreiterinnen: 1886 bauten engagierte Damen den Ortsverein Frankfurt auf, der im Großherzogtum Hessen, in Hessen-Nassau und in Homburg wirkte, und schafften so die Voraussetzung dafür, dass sich am Montagabend zahlreiche geladene Gäste in der evangelischen Christuskirche versammeln konnten, um das 125-Jährige des Vereins für Internationale Jugendarbeit Frankfurt am Main (vij) mit Sitz in der Brunnenstadt zu begehen.

In der Kirche hatten neben dem ehrenamtlichen Vereinsvorstand Nicola Beer (FDP), Staatssekretärin für Europaangelegenheiten im hessischen Justizministerium, Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD), Parlamentschef Dr. Christoph Müllerleile (OBG), Königsteins Bürgermeister Leonhard Helm (unabhängig, CDU-Mitglied), Stadtrat Dieter Kraft (Grüne) aus Bad Homburg und der "Hausherr", Pfarrer Reiner Göpfert, Platz genommen. Außerdem gratulierten Vertreter von Sponsoren wie der Deutschen Börse, der Taunus Sparkasse, der Stiftung Pro Region oder der Hans-Magiera-Stiftung.

Aber auch einige jugendliche Gesichter befanden sich unter den Gästen, erfolgreiche "JUSTAment"-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer, die mit ihren "Senior-Partnern" gekommen waren, denn das Bildungsprojekt des vij wurde bei der Feierstunde als herausragende Bildungsidee ausgezeichnet, konnte sich in einem deutschlandweiten Wettbewerb durchsetzen (siehe Info-Box).

In den Jahren nach der Gründung der seit jeher christlich-protestantisch geprägten Organisation war einiges anders als heute, erfuhren die Gäste. Die "Freundinnen" rekrutierten sich damals hauptsächlich aus adligen Kreisen, Gräfinnen, Fürstinnen und Großherzogin Eleonore von Hessen setzten sich für die jungen Mädchen ein, die es aus der Fremde nach Frankfurt zog. Sie gaben ihnen mit einem Wohnheim "Unterkunft und Heimat, aber auch Ansprechpartner und Halt im christlichen Sinne", betonte Nicola Beer in ihrer Festrede.

Gewissenlose Agenten

Und damit die Mädchen nicht "gewissenlosen Agenten in die Hände fallen, noch ehe sie den Frankfurter Hauptbahnhof verlassen haben", wie die "Freundinnen" es um die Jahrhundertwende in einem dramatischen Aufruf an die Bevölkerung zur Unterstützung formulierten, begründeten sie eine effiziente Stellenvermittlung, brachten im Jahr 1908 über 1000 Mädchen in Lohn und Brot. Der Verein wuchs weltweit rasant, zu Beginn des Ersten Weltkriegs engagierten sich über 16 000 Frauen in 52 Ländern. Während des Kriegs und in den Jahren danach galt die Fürsorge der "Freundinnen" Bedürftigen, Arbeitslosen und Auswanderern. Nachdem das NS-Regime die Arbeit der Organisation verboten und 1940 die Auflösung angeordnet hatte, begann die Vereinsspitze bereits 1946 mit dem Wiederaufbau und erschloss sich in den 50er-Jahren das neue Tätigkeitsfeld der Au-pair-Stellenvermittlung.

"Nicht nur das Tätigkeitsfeld hat sich geändert, auch der Name", führte Beer aus. Seit 1970 lautet dieser "Verein für Internationale Jugendarbeit". 1973 zog das Mädchenwohnheim aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel um nach Bommersheim, bis 2006 Standort für ein internationales Wohn- und Begegnungszentrum mit sozialpädagogischer Abteilung.

"Dort, wo andere aufgegeben hätten, haben Sie aus der Not eine Tugend gemacht und Ihre Arbeit neu ausgerichtet", spielte die Rednerin auf den Verkauf des Hauses aufgrund der baulichen Situation vor fünf Jahren an und damit auf den Grundstein für "JUSTAment" 2007.

Eine spannende und wechselvolle Geschichte also, die die Vorsitzende Helga Schorr seit 25 Jahren gestaltet. Auch ihr wurde am Montagabend gratuliert. Silvia Dorn, stellvertretende Vorsitzende, dankte der Trägerin des Kronenkreuzes der Diakonie für deren "stete Offenheit für neue Ideen", für "Durchsetzungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit und herausragende betriebswirtschaftliche Kenntnisse". Die hat auch Max Prebeck, der seit 35 Jahren Schatzmeister ist. Herzlichen Glückwunsch, die Vierte!

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