Lebensqualität trotz MS

Edeltraut und Karl-Heinz Kunze meistern das Dasein mit kleinen Freuden und der Hilfe einer Selbsthilfegruppe

Wie es ist, mit Multipler Sklerose (MS) zu leben, davon wissen Karl-Heinz und Edeltraut Kunz ein Lied zu singen. Als eine Stütze für sie und auch andere Betroffene hat sich die Selbsthilfegruppe Bad Homburg erwiesen.

Von Manuela Reimer

Hochtaunus. Zum Jubiläum der MS-Selbsthilfegruppe haben die Kunzes ein Fotoalbum mit Erinnerungen zusammengestellt. Foto Reichwein Seit 30 Jahren ermöglicht die MS-Selbsthilfegruppe Bad Homburg Betroffenen und Angehörigen gegenseitige Unterstützung und Austausch. Und vor allem: eine kleine Flucht aus dem von der Krankheit bestimmten Alltag, sagen die Gründungsmitglieder Karl-Heinz Kunz und Ehefrau Edeltraut. Dabei ist man auch schon mal einer Mireille Mathieu mit Schnauzbart begegnet.

"An manchen Tagen wache ich auf und frage mich, was die Welt eigentlich gegen mich hat", meint Edeltraut Kunz nachdenklich. Seit der niederschmetternden Diagnose Multiple Sklerose (MS) vor 30 Jahren pflegt die Friedrichsdorferin ihre große Sandkastenliebe zu Hause: Ehemann Karl-Heinz. Und das mittlerweile 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Dafür erhielt sie kürzlich auch den Pflegepreis der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (die TZ berichtete).

Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall, wochenlanges Koma – die letzten Jahre mit der "Krankheit der 1000 Gesichter" waren schwer. "Nur noch mein rechter Arm und der hier geht", sagt der 64-Jährige, der im sonnendurchfluteten Wohnzimmer in der Köpperner Wohnung in seinem Sessel sitzt, und auf seinen Kopf deutet. Doch das Leben des Paars ist trotz der vielen Felsbrocken, die im Weg liegen, alles andere als trist. Auf bewundernswerte Weise haben sich beide ihren Humor und ihre liebevolle Art im Umgang miteinander bewahrt. "Trotz MS bleibt ein Leben, das mit kleinen Freuden und Humor gemeistert wird, lebenswert", sind sie überzeugt.

Starker Zusammenhalt

Einen großen Beitrag zu dieser Einstellung hat die MS-Selbsthilfegruppe Bad Homburg geleistet. Vor 30 Jahren, genauer gesagt am 13. Januar 1982, fand das erste Treffen im Sanatorium Dr. Baumstark statt. Die Initiative gehe auf vier engagierte Frauen zurück, die selbst nicht betroffen gewesen seien, erzählt Edeltraut Kunz. Es handelt sich um Wiebke Schilling, die Kontakte zu einer Königsteiner Gruppe hatte und die wiederum mit Monika Zimper, der Ehefrau des Sanatorium-Leiters, befreundet war. Darüber hinaus spielten Regine Mellinghoff und Elsa Pavel eine Schlüsselrolle.

Zusammen mit fünf Patienten nahmen die Kunzes am Gründungstreffen teil. Seitdem hält das Paar der Gruppe die Treue und bringt sich ein. "Dort haben wir gesehen, dass wir nicht allein sind", sagen sie. Seit sie nicht mehr im Berufsleben steht, ist Edeltraut Kunz bei den Treffen, die alle 14 Tage nach wie vor in der Klinik Dr. Baumstark stattfinden, immer dabei. Elf MS-Kranke sind es, die regelmäßig kommen. "Der Zusammenhalt ist stark", hat das Paar erlebt, der Kontakt wird auch außerhalb der Treffen gehalten. Nicht alle können einen Partner mitbringen; Edeltraut Kunz weiß: "Durch MS gehen viele Ehen kaputt." Gerade für die Alleinstehenden sei die Selbsthilfegruppe ein Rettungsanker. "Viele haben nichts außer den Treffen. So kommen sie aus dem Alltag raus. Das ist eine Bereicherung", wissen die Eheleute.

In der Gruppe gilt: "Über MS wird so wenig wie möglich gesprochen." Denn die Krankheit, die den Alltag prägt, soll nicht auch noch die Gruppe prägen. Stattdessen plaudert man bei Kaffee, Tee und Kuchen, den die Teilnehmer mitbringen, lauscht regelmäßig Vorträgen. Nur selten handeln diese von Themen wie Vorsorgevollmacht oder Pflegeversicherung, vielmehr geht‘s um Münzen, Vögel, Historisches und, und, und. Wenn dann doch mal MS im Mittelpunkt steht – besonders bei neuen Teilnehmern – hilft jeder mit seinen eigenen Erfahrungen.

Diese Philosophie zieht sich durch die drei Jahrzehnte, ebenso die zahlreichen Ausflüge, für die "unsere Damen" Sponsoren suchen. "Unsere Damen" sind heute übrigens Ulrike Heigl, Monika von Holst, Inge Flachmeier und Anne Dzulko. "Die Organisation ist nicht leicht, es muss behindertengerechte Toiletten geben, manche können noch laufen, aber nicht lang, andere können nicht lang sitzen", weiß Edeltraut Kunz. Eine Gruppe Rollstuhlfahrer sei nicht überall gerne gesehen. "Doch da hat sich in den vergangenen 30 Jahren einiges getan", so das Paar.

Zum Jubiläum hat Edeltraut Kunz ein kleines Album mit Erinnerungen zusammengestellt. Im Bild festgehalten sind Ausflüge in den Hessenpark, auf den Flughafen, in die Alte Oper, zu "Holiday on Ice", die jährlichen Schifffahrten ("ein Highlight") im Sommer. Und eine Mireille Mathieu mit Schnauzer – der Schnappschuss entstand bei einem der ersten Ausflüge im Dezember 1982. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau hatte zur Weihnachtsfeier eingeladen. "Die Tische wurden wunderschön für uns gedeckt und die Vorstandsmitglieder selbst gestalteten das Programm, schlüpften in die Rollen von Stars, haben gesungen und getanzt", erinnern sich die Kunzes.

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