Sie sammeln mit Begeisterung

Carsten Sobik und Yvonne Adam arbeiten im Depot des Hessenparks und inventarisieren 200 000 Objekte

Bewahren, Sammeln und das Erhalten von Objekten, die sonst vernichtet würden, ist der Sinn eines Museums. Und diese Arbeit tun Carsten Sobik und Yvonne Adam, Mitarbeiter im Magazin des Hessenparks, mit Leidenschaft.

Von Anja Petter

Neu-Anspach. Carsten Sobik und Yvonne Adam zeigen in der Systemhalle die Pflüge. Von ihnen besitzt der Hessenpark rund 130 Stück. Fotos: Petter Der Hessenpark an sich ist ja schon ein spannender Ort. Wer sich dafür interessiert, wie Menschen früher gelebt und gearbeitet und mit welchen Dingen sie sich umgeben haben, sollte das Freilichtmuseum auf jeden Fall einmal besuchen. Vor allem, wo es dort jetzt noch interessanter wird, denn ab dem 28. März ist es einmal im Monat möglich, auch dem Museumsdepot einen Besuch abzustatten. Allerdings: Zu jedem Termin dürfen nur maximal 15 Personen hinein. "Wir wollen Einblick gewähren in die Grundlagenarbeit eines Museums", sagt Carsten Sobik, Gruppenleiter der Abteilung Sammlung/Dokumentation.

In diesem zum Zentralmagazin gehörenden Bereich arbeiten außer dem Volkskundler Sobik auch Yvonne Adam, Diplom-Industrie-Archäologin, die wissenschaftliche Volontärin Lisa Mach und die wissenschaftliche Hilfskraft Alexandra Sura. Die Vier sind hauptsächlich dafür zuständig, alle mobilen Stücke, die der Hessenpark besitzt, zu archivieren: vom Dreschkasten bis zum Fingerhut. Wenn die Fachgruppe Volkskunde dann sagt, was sie für die Einrichtung eines Hauses oder für die Bestückung einer Ausstellung benötigt, machen sich Sobik und Adam auf die Suche.

60 Standorte

Und genau die soll nun vereinfacht werden. Früher, so erzählt Sobik, seien Inventare aus Häusern und Schenkungen von Bürgern angenommen und relativ wahllos untergebracht worden. Die Objekte waren auf 60 Standorte verteilt, so schätzt der 41-Jährige. In Kellern und auf Dachböden vorzugsweise, weil es kein adäquates Depot gab. Nicht nur, dass die Mitarbeiter so natürlich keinen Überblick über den Bestand bekamen, hatten auch Schädlinge freie Bahn. "Egal, ob mit vier, sechs oder acht Beinen", sagt Sobik lachend. Außerdem waren diese Räume natürlich nicht klimatisiert, und Temperaturveränderungen schadeten den Objekten.

2007 mussten viele Häuser im Hessenpark wegen großer Sanierungsarbeiten ausgeräumt werden, und eine 400 Quadratmeter große Halle in Leichtbauweise entstand, die ab April 2008 genutzt werden konnte. Zwar kein klassisches Museumsdepot, sondern nur ein Zwischenlager, in dem in Zukunft agrarische Geräte untergebracht werden sollen, aber immerhin ein erster Schritt. Inzwischen werden die Häuser, wenn sie saniert sind, zwar wieder bestückt, aber Keller und Dachböden sollen künftig frei bleiben. Und ganz besonders wichtig: Bevor ein Objekt in der sogenannten Systemhalle untergebracht wurde, durchlief es erst eine Thermo- und Stickstoffbehandlung, wurde "entwest", wie Sobik salopp sagt.

Doch das war erst der erste Schritt, denn jetzt gibt es in der Einrichtung auch ein Zentralmagazin – unterteilt in Textildepot, Schriftarchiv, Möbellager und Eisenlager. 2008 wurde mit dem Bau begonnen. Im Juli vergangenen Jahres hat das vierköpfige Team rund um Sobik dann angefangen einzuräumen. Nun soll vor allem, wo es vorher nur eine einfache Standortdatenbank gab, jedes Teil im Computer archiviert werden. "Das ist jetzt fester Bestandteil unserer täglichen Arbeit", erzählen Sobik und Adam. Fleißig waren auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter, welche die Daten von 32 000 Karteikarten in Rechner übertragen mussten.

Sozialgeschichte

Einfach ist es nicht. Vor allem nicht bei Stücken, die schon lange im Museum vorhanden sind, seinerzeit aber nicht richtig inventarisiert wurden. Woher soll der Volkskundler dann heute noch wissen, wer das Stück hergestellt und wer es früher benutzt hatte. Bringt dagegen heute jemand einen Stuhl vorbei, fragt er beim Besitzer genau nach: Wo wurde das Teil genutzt und wie lange, denn "das ist wichtig für die Sozialgeschichte". Und je mehr von der Geschichte eines Stückes und seines Besitzers bekannt ist, um so wertvoller ist es. Ein Haus mit Originalinterieur ist denn auch "bares Gold", sagt die 35-jährige Adam und nennt die "Schreinerei aus Fulda" als wertvollstes Anwesen, denn hier ist "bis hin zu den Nägeln" alles im Urzustand.

Rund 200 000 Objekte gibt es im Hessenpark, lediglich ein Fünftel davon ist bereits inventarisiert, rund zehn Prozent sind in Ausstellungen zu sehen. Üppig vorhanden sind Nähmaschinen und Haushaltsgeräte, allein 350 Bügeleisen hat Sobik gezählt. Er sagt deshalb: "Wir können heute nicht mehr alles annehmen." Nur noch besondere Stücke, die vollständig erhalten und intakt sind. Kleidung gibt es ebenfalls reichlich, aber nur wenige Schuhe. Adam: "Die Leute wollen uns Opas alte Latsche nicht geben, weil sie denken, es ist Müll."

Neue Gegenstände müssen im Annahmeraum des Magazins durch die Schmutzschleuse. Dann werden sie vorsichtig gereinigt und nach Inschriften abgesucht, anschließend folgt die vierwöchige Behandlung in der Stickstoffkammer. "Hier ersticken die Biester", erklärt Sobik ungerührt und meint das Ungeziefer. Hat ein Stück diese Station durchlaufen, wird es fotografiert und thematisch einer bestimmten Objektgruppe zusortiert und dort untergebracht. Und das gilt für ein agrarisches Großgerät genauso wie für einen kleinen Holzquirl.

Aber auch bei der Verpackung geben sich die Mitarbeiter sehr viel Mühe. Textilien kommen in säurefreie Kartons oder auf entsprechend gepolsterte Bügel, beim Verpacken werden Handschuhe getragen, in den einzelnen Magazinräumen herrschen streng genormte Temperaturen, und auch auf die Luftfeuchtigkeit wird genau geschaut.

800 Quadratmeter Stellfläche stehen derzeit zur Verfügung, in zwei Jahren sollen es sogar 2500 Quadratmeter sein. Denn noch in diesem Jahr erfolgt der Spatenstich für einen Magazinanbau. "Das ist der Zukunft geschuldet", stellen Sobik und Adam fest, "denn wir sammeln ja zeitlich weiter." Wurde von der Museumsgründung 1974 bis heute viel aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und vor allem aus den 50er Jahren angeschafft, werden nun bereits Stücke aus den 80er Jahren gesammelt. Doch damals begann die Massenproduktion von Dingen, und das macht es für das Museum schwierig: "Wir wollen ja nur Dinge, die in Hessen hergestellt wurden, und das ist bei den 80ern schon fast unmöglich."

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