Süße Kasse erbeutet

Steinbachs Narren erobern das Rathaus im Sturm

Die Narren haben in Steinbach das Rathaus gestürmt und die Stadtkasse geplündert. Und obwohl die Kasse bekanntlich leer ist, konnten die Narren ihr dennoch einige süße Verlockungen entnehmen.

Von Tatjana Seibt

Steinbach. Kiloweise wurden süße Sachen auf dem großen Tisch im Sitzungssaal des Rathauses ausgebreitet, bevor es Anna (10), Saskia (10) und Cara (11) aus dem Fenster warfen, um die auf dem Rathaushof stehenden Narren zu besänftigen. Fotos (2): Priedemuth Laute Musik dröhnt aus den Lautsprechern vor dem Rathaus am Sonntagmittag, eine bunte Luftballonkette ist unter den Fenstern gespannt und weht in dem eisigen Wind auf und ab. Immer wieder wirft Hausherr Bürgermeister Dr. Stefan Naas (FDP) einen vorsichtigen, ja bangen Blick aus dem offenen Fenster. Sollten die Narren wirklich Ernst machen? Das Rathaus stürmen, die Stadtkasse plündern und den Schlüssel der Stadt an sich reißen?

Zur Sicherheit hat Naas einige seiner Getreuen, natürlich verkleidet, um sich geschart und sich darüber hinaus mit süßer Munition bewaffnet. "Verteidigen bis auf die letzte Knolle" heißt die Devise im Rathaus, sollten die Narren tatsächlich kommen. Und wie sie kommen. Eine stattliche Abordnung des Steinbacher Carneval Clubs (SCC) nimmt am Mittag bereits am Bürgerhaus Aufstellung. Und die SCC-Narren sind nicht allein. 23 Gruppen führen die Steinbacher ins Feld, begleitet von zahlreichen Schaulustigen, die den Rathausvorplatz bereits eine halbe Stunde vorher besetzen und die "Schwachstellen" auskundschaften. Sitzungspräsident Gerd Rother marschiert vorneweg, ihm nach die Garde des SCC. Vielleicht lässt sich der Bürgermeister ja von den attraktiven Mädels bezirzen? Gutes Aussehen hat schließlich schon so manchen Mann dazu verleitet, nicht nur sein Herz, sondern auch die Brieftasche zu öffnen.

Sollte das nicht funktionieren, wäre der Elferrat vielleicht im Stande, den Rathauschef zu überreden. Sollte das nicht helfen, könnten der Musikzug aus Bad Homburg, Kronberg und der Erich-Kästner-Schule (EKS) Pfungstadt Naas den Marsch blasen. Und für den Fall, dass das alles nichts nützt, stehen die Abordnungen der Freunde des Carnevals (FDC), des Clubs Humor (beide Bad Homburg), des Clubs Fidele Nassauer, des Usinger Carneval Vereins, des Karnevalvereins Frohsinn, des Carneval Vereins Stierstadt, des Clubs Geselligkeit Humor aus Weißkirchen, des Tanzsport- und Carneval Clubs Pinguine TCCP Schwalbach, der Kappen Club Niederhöchststadt- Stadtgarde sowie der Elferrat gemeinsam mit den Eschborner Käwwern und dem Karneval Verein 02 aus Oberhöchstadt zur Seite, um das Rathaus notfalls auch im Sturm zu erobern.

Noch droht Bürgermeister Naas mit dem riesigen Schlüssel, doch wenig später muss er klein beigeben und den Türöffner samt Kasse an die Narren abtreten.Für den Fall, dass Naas aber lieber sein Haupt vor den närrischen Blaublütern beugt, begleiten Prinz Patrick I. aus Oberursel und der Narrenrat, Prinzessin Tanja I. aus Bad Homburg und das Kinderprinzenpaar Marius I. und Ronja I. den befreundeten Verein, um Schützenhilfe zu leisten. Die gibt‘s auch vom Arbeitskreis Karneval Kolpingfamilie Kelkheim, die mit ihrer Kanone böllern und das Wortgefecht zwischen Rother und Naas ankündigen. "Seid ihr bereit mit mir gemeinsam das Rathaus zu stürmen und die Kasse zu plündern?", fragt Rother die Menge.

"Vergangen ist fast ein Jahr und wieder stehen wir da. Stefan, mach‘ die Türe auf", ruft Rother nun gen Bürgermeister, der sich das Treiben von oben ansieht und die auffahrende Menge zuvor noch mit Süßigkeiten ruhig zu halten versuchte.

"Was sind das für bunte Vögel? Die zwitschern nicht, die machen Radau", stellt Naas konsterniert fest. "Das hier ist unsere Bastion", betont er und hält demonstrativ den "Stadtschlüssel" hoch. Und während sich das Wortgefecht immer weiter hochschaukelt, die Narren in den eigenen Reihen schon langsam zum Sturm blasen, die Kanonen ein letztes Mal zur Warnung böllern, kann Naas dem Wortgefecht schließlich nicht länger Stand halten.

"Ich glaub‘, das hat kein Zweck, es laufen alle weg", stellt Naas schließlich allein am Fenster fest. Denn in der Tat räumen seine Getreuen bereits das Feld. Die Stadtkasse im Schlepptau, streckt Naas die Waffen und bringt die prall gefüllte süße Kasse zu den Narren. Mit einem dreifachen "Helau" und einem Zug zum Bürgerhaus feiern die Narren schließlich den Sieg und die Übernahme der Macht in Steinbach.

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