Von der heilenden Kraft der Musik

Anrührendes wie hochklassiges Cello-Konzert in der Immanuelkirche

Das kirchenmusikalische Jahr feierte in der Königsteiner Immanuel-Gemeinde dieser Tage einen mehr als gelungenen Auftakt. Verantwortlich dafür: der Cellist Bonian Tian und ein fein-fragiles Geschöpf aus Fernost.

Von Sabine Schlichte

Königstein. Wer kennt sie nicht, die Geschichte des Dänen Hans Christian Andersen, in der eine unscheinbare kleine Nachtigall sich in das Herz des mächtigen chinesischen Kaisers singt, ihn zu Tränen rührt, dann wegen einer prächtigen mechanischen Nachtigall verstoßen wird, aber zum guten Schluss die Krankheit und den drohenden Tod des Kaisers mit ihrem lebendigen Gesang besiegt?

Dieses bezaubernde Märchen stand unlängst im Zentrum eines außergewöhnlichen Musikabends in der evangelischen Immanuel-Gemeinde. Das Motiv war pfiffig ausgewählt und anschaulich vorgetragen von der temperamentvollen Pfarrerin der Gemeinde, Katharina Stoodt-Neuschäfer.

Die große Zuhörerschaft in der stimmungsvoll mit Kerzen ausgeleuchteten Kirche ließ sich gerne auf Andersens sprachwitziges und kluges Märchen über die Dummheit, aber auch über die Kraft der Musik ein, gab es doch überdies nur zu offensichtliche Bezugspunkte zum musikalischen Gast des Abend: Bonian Tian.

Der Solist kommt aus China, er wird von dem dänischen Unternehmen Larson Strings gefördert und er ist unter anderem für "Life Music now", eine Stiftung Yehudi Menuhins, in ganz Deutschland konzertierend unterwegs. "Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude", ist deren Motto, und davon singt die Nachtigall ein facettenreiches Lied.

Talent bittet zum Tanz

Der Cellist Bonian Tian rahmte mit seinem musikalischen Programm die Lesung ein und wählte dazu die beiden ersten Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach aus. Diese gelten als Gipfelwerke der Literatur für dieses Streichinstrument und sind in Bachs früher Zeit für seinen Mitstreiter am Hof des musikbegeisterten Fürsten von Köthen entstanden.

Bach, selbst ein herausragender Geigenvirtuose, schrieb für sich Suiten für Violine, in denen alles, was überhaupt auf dem Instrument machbar ist, in aufeinanderfolgenden Tanzsätzen vorgeführt wird – das wollte er seinem Freund auch gönnen. So sind diese Werke, denen charakteristische Tanzrhythmen zugrunde liegen, eine Herausforderung für jeden Künstler.

Klare Akzente

Bonian Tian, 25 Jahre jung, mehrfach ausgezeichneter Preisträger, "Junger Solist" des Kronberg-Academy-Programms, nahm diese Herausforderung mit Begeisterung an. Mit dem improvisatorisch wirkenden Vorspiel – Prélude – der G-Dur-Suite stellte er in Akkordbrechungen und schnellen Wechselfiguren über die Saiten das Instrument in seinen Klangmöglichkeiten vor.

Er akzentuierte klar bei der Allemande, spielte die Sarabande als melodisch beseelten langsamen Satz, brillierte in unglaublich wendigen Läufen in der Courante, gab dem Menuett keck-galante Züge, bevor er mit der wild dahinjagenden Gigue den virtuosen Abschluss setzte.

Auch in der zweiten Suite mit ihrem ernsteren D-Moll-Charakter war Bonian Tians Spiel immer verständlich gegliedert, farbig abgesetzt, im Ausdruck differenziert zwischen verhalten über expressiv bis kraftvoll, wobei das eigens für ihn gebaute Cello in seinem warmen, vollen Klang zu bewundern war.

Eine besondere Schwierigkeit dieser Werke für nur ein Instrument, das normalerweise einstimmige Melodien spielt, ist das mehrstimmige Akkordspiel. Hier verblüffte der Solist mit absolut klaren und reinen Akkordbrechungen – eine ebenso bewundernswerte Leistung wie die ganz selbstverständlich anmutende geschmeidige Geläufigkeit der Finger, mit der er in den schnellen Sätzen treffsicher Tonkaskaden über die Saiten perlen ließ.

Gelungene Kooperation

Spontane Bravo-Rufe und herzlicher Applaus belohnten den Künstler für seine großartige Leistung, mit der er sich in die Herzen des Publikums gespielt hatte. Man darf sich glücklich schätzen, dass die Kronberg Academy Masters mit ihrem einmaligen Ausbildungsprogramm so ausgezeichnete Studenten anzieht und zu Solisten profiliert. Wenn wie in Kooperation mit der musikalisch sehr regen Immanuel-Gemeinde diesen jungen Künstlern eine wunderbare Auftrittsmöglichkeit geboten wird und die Zuhörer in den Genuss außergewöhnlichen Könnens kommen – umso besser.

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