09.09.2010

Die heile Welt zerfällt

Der Autor Jonathan Franzen gehört zu den wenigen Schriftstellern, denen das renommierte US-Magazin «Time» ein Titelbild widmete.	Foto: dpaDer Autor Jonathan Franzen gehört zu den wenigen Schriftstellern, denen das renommierte US-Magazin «Time» ein Titelbild widmete.	Foto: dpaDer Autor Jonathan Franzen gehört zu den wenigen Schriftstellern, denen das renommierte US-Magazin «Time» ein Titelbild widmete. Foto: dpa

In seinem Bestseller «Die Korrekturen» deckte der US-Autor die Wunden und Probleme der Familie Lambert auf, schonungslos, ironisch, messerscharf. Jetzt ist er zurück – leichter, versöhnlicher und mit noch mehr Tiefgang.

Neun Jahre ist es her, dass Jonathan Franzen mit dem Familienroman «Die Korrekturen» den Nerv traf. Das opulente Werk über die Familie Lambert erinnerte manchen gar an «Die Buddenbrooks», wurde über Nacht zum Weltbestseller und machte ihn zu einem der bekanntesten Schriftsteller der Gegenwart. Jetzt etabliert sich Franzen endgültig als führende Figur der großen amerikanischen Literatur: «Freiheit», sein vierter Roman, übertrifft alles, was der inzwischen 51-jährige Autor bisher geschrieben hat.

Im neuen Buch, das gestern auf Deutsch erschienen ist, seziert Franzen sanft, aber skrupellos die Berglunds, eine Mittelstandsfamilie mitten in Amerika. Das Nachrichtenmagazin «Time» hatte Franzen in Erwartung seines neuen Werks schon Mitte August die Titelseite gewidmet, eine Ehre, die nur wenigen Autoren vor ihm zuteil wurde.

Brutal und intelligent

Auch die gefürchtete Chefrezensentin der «New York Times», Michiko Kakutani, schwärmte von Franzens «galvanischem neuen Roman», der in den USA bereits vergangene Woche herauskam. «Franzen, der kratzbürstige Gott der Belletristik, ist zurück mit aller Gewalt», schrieb «USA Today». Der britische «Guardian» fasste zusammen: «Ein Buch, das humorvoll, bewegend, voller Kraft, brutal und intelligent ist und das die entscheidende Frage stellt: ,Worum geht es eigentlich im Leben.’ Mehr kann man sich nicht wünschen.»

«Freiheit» beginnt wie «Die Korrekturen» mit einer Overtüre, in der Franzen die Berglunds als Familie vorstellt und ihr Zuhause in einer Nachbarschaft im Mittleren Westen der USA. Walter Berglund ist Anwalt, der in einem multinationalen Unternehmen arbeitet, dessen Herz aber am Umweltschutz hängt. Seine Frau Patty, eine ehemalige Sportskanone, lindert ihren Frust als grüne Witwe mit Alkohol und später einer Affäre mit dem besten Freund ihres Mannes. Das Paar hat zwei Kinder, Sohn Joey und Tochter Jenny. Äußerlich ist alles in Ordnung, führen die Berglunds ein glückliches Familienleben, erst unter Franzens Lupe zerbröselt das Bild von der heilen Welt. Sanft, fast beiläufig, aber perfekt intoniert deckt er die Schwächen seiner Charaktere auf. Anders als den Mitgliedern der Familie Lambert erlaubt Franzen den Berglunds, Schlüsse aus ihrem Dilemma zu ziehen und sich gradweise zu wandeln.

Eine der vielen Lehren seines neuen Romans, vielleicht dessen Essenz: Freiheit muss keineswegs glücklich machen. Im «Time»-Interview warnt der Autor seine Landsleute: «Wenn wir Freiheit zum entscheidenden Maßstab für unsere Kultur und unsere Nation erklären, sollten wir sorgfältig prüfen, was uns Freiheit überhaupt bringt.» Damit wagt sich Franzen, der bisher vor allem die Lebensweise seiner Landsleute kritisiert hatte, nun auch auf das politische Parkett.

«Der Schreibprozess bringt mit sich, dass ich mir das Leben fast zur Hölle mache. Das heißt bei Romanen, dass ich mich erst einmal drei bis vier Jahre kreuzelend fühlen muss, bis meine Manuskriptseiten dann endlich zu atmen beginnen», hat Franzen einmal gesagt. Im Fall von «Freiheit» quälte sich der Autor fast doppelt so lange. Seine Leser werden es ihm danken. «Freiheit» ist ein epischer Genuss, der süchtig macht.

Jonathan Franzen: «Freiheit», Rowohlt-Verlag, Reinbek. 736 S., 24,95 Euro

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