Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 27.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Nimm die ausgestreckte Hand
Die belgischen Regiebrüder Dardenne bringen in "Der Junge mit dem Fahrrad" ein vernachlässigtes Heimkind und eine hilfsbereite Frau zusammen.
Von Martin Schwickert
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Samantha (Cécile de France) hat dafür gesorgt, dass Cyril (Thomas Doret) sein geliebtes Fahrrad zurückbekommen hat. Foto: AlamodeWie viel Kraft und Energie in der Wut steckt, kann man an dem zwölfjährigen Cyril (Thomas Doret) genau studieren. Wie ein Feuerwerkskörper zischt der Junge davon, wenn ihm etwas nicht passt. Uneinholbar und mit einem festen Willen, der keine Hindernisse zulässt. Dass der Vater ihn einfach verlassen und Cyrils heißgeliebtes Fahrrad verkauft hat, kann und will der Junge nicht glauben. Immer wieder reißt er aus dem Heim aus, um den Vater zu suchen. Als die Erzieher ihn wieder einfangen, klammert er sich im Wartezimmer eines Arztes an eine Frau. "Du kannst mich halten, aber nicht so fest", sagt Samantha (Cécile De France) zu ihm und bringt ein paar Tage später Cyrils Fahrrad, das sie dem Nachbarn abgekauft hat. Aus der zufälligen Begegnung zwischen der Friseurin und dem Jungen entsteht eine langsam wachsende Beziehung. An den Wochenenden nimmt Samantha das Heimkind bei sich auf und begleitet es auf seiner Suche nach dem Vater.
Mit "Der Junge mit dem Fahrrad" setzen die belgischen Regiebrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne einen gefühlvollen Stoff erneut mit poetischer Nüchternheit um. Die Dardennes gehen ohne falsche Sentimentalität an ihr Sujet heran, verwurzeln ihre Figuren ohne Elendsnaturalismus fest in den Härten der sozialen Wirklichkeit und blenden deren persönliche Geschichte und psychologische Hintergründe aus. Es zählt nur das Hier und Jetzt, das in sehr genauen Bildern und knappen Dialogen zur filmischen Realität wird. Wo die Mutter des Jungen verblieben ist, erfährt man genauso wenig wie Samanthas Beweggründe, ihn bei sich aufzunehmen.
Die Friseurin ist keine wohltätige Mutter Theresa, sondern hilft dem Jungen mit der gleichen Selbstverständlichkeit, die andere Menschen am Elend vorbeigehen lässt. Weder die Humanität ihres Handelns, noch das ablehnende Verhalten des überforderten Vaters, der sich der elterlichen Verantwortung entzieht, werden moralisch kategorisiert. In dieser Haltung liegt die stille Kraft des Filmes, der seine Figuren mit Zuneigung, Respekt und ohne Mitleid behandelt. Hinzu kommen die beiden großartigen Hauptdarsteller. Der junge Thomas Doret ist das Kraftwerk des Filmes und setzt eine enorme Energie auf der Leinwand frei. Mit Cécile De France haben die Dardennes, die bisher vorwiegend mit Laiendarstellern gearbeitet haben, zum ersten Mal eine bekannte Schauspielerin engagiert, die vollkommen in sich ruhend den idealen Gegenpol bildet. Sehenswert
Frankfurt: Harmonie, Mal seh’n (OmU)
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