Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 27.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Gegen Demütigung hilft nur die Wut
In Christian Schwochows Psychodrama "Die Unsichtbare" treibt Ulrich Noethen als Theaterregisseur eine Schauspielschülerin bis in die Selbstzerstörung.
Von Thomas Ungeheuer
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Die Schauspielschülerin Fine (Stine Fischer Christensen) soll auf der Bühne eine männerverschlingende Superfrau verkörpern - ist sie damit überfordert? Foto: Film Frankfurt. Vor den eigenen Geschwistern fällt das Schauspielern leicht. Auch Fine (Stine Fischer Christensen) geht es so. Wenn ihre Schwester Aggressionsschübe bekommt, bindet sich Fine ein Tuch um den Kopf und singt und tanzt für sie. Das amüsiert und beruhigt die geistig behinderte junge Frau. Nur in dem Moment, in dem die scheue Fine auf die Bühne ihrer Schauspielschule muss, versagt sie. Während eines wichtigen Vorspielens, bei dem der berühmte Theaterregisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen) zuschaut, schläft sie dort sogar ein.
Dann geschieht etwas Sonderbares: Obwohl der Schauspielschuldirektor (Ulrich Mathes) sie für "unsichtbar" und talentfrei hält, gibt der Regisseur Friedmann gerade Fine in seiner nächsten Inszenierung mit jungen Schauspielschülern die Hauptrolle. Sie soll hier die Titelfigur "Camille" verkörpern: eine selbstbewusste, starke Frau, die Männer nur so verschlingt, weil "Sex wie Kuchenessen" ist. Eine Figur, die Fine kaum fremder sein könnte. Aber sie will allen Zweiflern beweisen, dass eine ernsthafte Künstlerin in ihr steckt. Doch egal, wie sehr sich die verletzbare Schülerin bemüht, ihrer Figur näher zu kommen – ihr egomanischer Regisseur sieht kaum Fortschritte. Wieder und wieder quält der Zyniker sie bei den Proben mit seinen radikalen Forderungen.
In seinem zweiten Spielfilm nach "Novemberkind" entwirft der Regisseur Christian Schwochow bedrückende Bilder von dem Leben auf und hinter der Theaterbühne. Stets angemessen in ihren Bewegungen, lässt er Frank Lamms Handkamera der Hauptfigur Fine folgen. In vorwiegend dunklen Farbtönen sieht man sie auf der kargen Probebühne, in U-Bahntunneln, in den Katakomben des Theaters oder in der beengten Wohnung, wo sie mit Mutter (Dagmar Manzel) und Schwester ein "kaputtes" Leben führt.
Manche Details in der Geschichte mögen sehr plakativ wirken. Trotzdem mindert das die Wirkung dieses Films kaum. Denn letztlich gelingt es Stine Fischer Christensen, die wenigen Schwächen des Films mit ihrem natürlichen, außergewöhnlich fein nuancierten Spiel vergessen zu machen. Nicht Ulrich Noethen, der hier die Bestie Mensch beängstigend gut darstellt, ist der Star dieses Psychodramas, sondern die dänische Schauspielerin, die als "Die Unsichtbare" erstmals Deutsch im Kino spricht. Sehenswert
Frankfurt: Cinema
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