Merkwürdig alterslos

"Ringo 2012" nennt sich das 18. Studioalbum Richard Starkeys, der als Ringo Starr und Schlagzeuger der "Beatles" ein Stück Musikgeschichte mitschrieb.

Von Marcus Hladek

Gibt immer noch die Richtung an und hat mit 71 Jahren noch gut lachen: Ex-"Beatle" Ringo Starr. Foto: UniversalZwar legt die populäre Rollenverteilung ihn, Starr, den Nachrücker für den mythologischen Unglücksraben Pete Best, als schwächsten Komponisten und rarsten Sänger der Fab Four auf den Part des Background-"Beatle" fest, was sein Können aber arg unterschätzt. Neben den Hauptgenies und Brudergöttern John Lennon und Paul McCartney und dem Ersatz- und Gitarrengenie George Harrison prägte er schließlich den Sound und Rhythmus und die Vielgestaltigkeit der Band mit. Auch die neun Lieder des neuen Albums belegen das. Seine Solokarriere, die er meist "with a little help from my friends" bestritt, spielte sich gleichwohl weit abseits der Charts ab.

2011 ging er erstmals im neuen Jahrtausend wieder auf Europa-Tournee und feierte den 71. in Hamburg. Dort war der älteste "Beatle" schon vor seiner "Beatles"-Zeit mit "Rory Storm & the Hurricanes" aufgetreten. Daran und an noch frühere Bands in seinem Leben erinnert auch "Ringo 2012": "Rock Island Line" etwa ist ein albern-optimistisches Lied mit den typischen ein bis zwei Akkorden alter Liverpooler Skiffle-Bands und einem Sound, der die frühen R-’n’-B-Vorbilder verrät.

Insgesamt wirkt das neue Album frisch und merkwürdig alterslos, auf jeden Fall ist es sauber und gut gemacht. Kurz, es hat was, wenngleich Starr im Alter nicht mehr anfängt, neue Stiltrends zu lancieren. Ob das Gelungene daran damit zu tun hat, dass er sich mittlerweile selbst produziert und neue Techniken zur musikalischen Heimarbeit nutzt – immer noch sucht er zumal als Texter regelmäßig die Kooperation, was teils mit seinem umgänglichen Charakter, teils aber auch damit zu tun haben dürfte, dass ihm die poetische Ader, das Naturell des Künstlerintellektuellen, fehlt. In dieser Hinsicht hat "Ringo 2012" auch nichts Erderschütterndes.

Schon die erste der neun Nummern, "Anthem", klingt einerseits so handgestrickt wie seinerzeit zum Beispiel "Rocking All Over The World" von "Status Quo", weist zugleich aber doch schräge Dissonanzen auf, die man eher den späten, leicht esoterischen "Beatles" zuordnen würde. Die hymnische Glätte und Breite ist ganz der Singstil Starrs. In "Wings" entwickelt er einen alten Song von sich mit Bläsern im Reggae-Rhythmus weiter, "Think It Over" verbindet ähnlich exotisch eine karibische Steeldrum mit Swing- oder Blues-Rhythmen: eklektische Vielfalt ein ums andere Mal. Eines der stärksten, verrücktesten Lieder ist "Samba", das mit komischer Ausgelassenheit überrascht. Der Nostalgie gibt sich außer "Rock Island Line" und "Wings" auch "Step Lightly" von 1973 hin, vor allem aber "In Liverpool", wo Starr breit und sämig (hier und überall treiben vor allem die Gitarren den Sound zum Glück stärker ins Reflektierte) zu den draufgebutterten Geigenklängen an seine Jugendtage zurückdenkt: "Ich und die Band lebten unsere Fantasien aus, brachen die Regeln und handelten wie Narren. So war das für mich." Hoch lebe der Dockersohn aus dem Hafenviertel Dingle!

Als hübscher Ausklang rockt "Slow Down" und zeigt sich dabei dankbar für die Jahre, die Starr nach dem Wahnsinn der Sechziger, dem Drogenrausch der Folgejahrzehnte und der Ermordung Lennons sowie dem Krebstod Harrisons bislang schon geblieben sind.

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