Übers Trommelfell in die Psyche

Die beiden Düsseldorfer Jan St. Werner und Andi Toma bilden das Duo "Mouse On Mars". Ihre experimentelle elektronische Musik bringen sie meist live auf die (Club-)Bühne – gerne dort, wo man es nicht erwartet. Marc Rodrigues hat mit Jan St. Werner gesprochen.

"Mouse On Mars", Jan Werner und Andi Toma aus Düsseldorf, machen verspielt-experimentelle elektronische Musik. Foto: Sebastian SzaryLetztes Jahr hat man Euch in Frankfurt spielen sehen. Im Foyer der Schirn während der Nacht der Museen: Manche Besucher waren ein wenig überrascht von der ungewöhnlichen Beschallung. Kann man heute wirklich noch mit elektronischer Musik schockieren?

JAN WERNER: Ich weiß nicht, ob unser Konzert in Frankfurt diese These belegen kann. Ich glaube, es waren einfach die Lautstärke und der unerwartete Angriff von Musik im Foyer, die einige verschreckt haben. Ich war überrascht, dass so viele Leute geblieben sind. Nachdem wir gesehen hatten, was für ein stark frequentierter Raum das Foyer ist, waren wir nicht sicher, ob wir dort Stimmung hinbekämen. Aber es war dann doch sehr intensiv. Da muss ich die Frankfurter für ihre Standfestigkeit loben. Ich glaube schon, dass man noch schockieren kann, je nachdem, wen man an welcher Stelle erwischt.

Welchen Einfluss hat der Raum, in dem man spielt, auf die Atmosphäre, und wie viel bekommt Ihr davon auf der Bühne mit?

JAN: Das spürt man schon sehr genau. Wir brauchen das ja, wir wollen die Nähe und wollen uns direkt über das Trommelfell an der Psyche reiben. Wir wollen durch die Menge wirbeln und immer alles geben. Man bekommt sehr schnell ein Gefühl dafür, wie ein Raum funktioniert, wie tief er ist, wie bewegen sich die Leute und dämpfen den Raumklang. Das ist alles sehr intuitiv. Man gibt je nachdem ein wenig mehr Gas, fährt ein wenig runter oder baut andere Spannungsbögen.

Es ist schwierig nachzuvollziehen, was genau Ihr hinter Euren riesigen Maschinenparks macht, aber ich habe schon das Gefühl, dass vieles in dem Moment live entsteht.

JAN: Ja, ich glaube, die Tatsache, dass wir den Sound ständig bewegen, ist Voraussetzung dafür, dass wir die Leute überhaupt erreichen. Wir improvisieren auch nicht bloß zum Selbstzweck, sondern um den Klang ständig wieder abzugleichen. Wir sehen uns als Instrumentalisten, auch wenn wir unsere Musik auf Geräten und Systemen erzeugen, die keine klassischen Instrumente im Sinne von Resonanzkörpern sind. Jeder Sound ist ja eigentlich schon ein Stück. Unsere Tracks bestehen ja eigentlich aus mehreren kleinen Stücken, ineinander arrangiert. Die größeren Stücke zusammen bilden dann ein Album, und die Alben zusammengenommen dann vielleicht eben die "Mouse-On-Mars"-Erzählung.

Ihr macht Musik für Clubs, aber auch für Clubs, die es in dieser Form vielleicht noch gar nicht gibt. Sind wir auf dem Weg zu der Idee von Club, für die ihr eure Musik schreibt?

JAN: Ja, auf jeden Fall. Da hat sich viel getan. Clubs sind mittlerweile so offen, und ich würde behaupten, es sind die Veranstaltungsorte, in denen noch am meisten passieren kann. Ein guter Club ist eigentlich auch ein Raum, der überhaupt nicht konnotiert ist, der einfach nur existiert, und du machst an dem Abend was daraus.

Euer neues Album "Parasthrophics" ist erstmals auf dem Label "Monkeytown" erschienen. Wie kam es dazu?

JAN: Es war ziemlich klar, dass man eine weltweite Veröffentlichung auf dem Label, mit dem wir bislang gearbeitet hatten, heute nur noch schwer hinbekommt. Es fing in den 90er Jahren an, dass wir mit mehreren Labels gearbeitet hatten, die jeweils ihre Territorien hatten, wie man in der Fachsprache sagt. Also unterschiedliche Labels waren beispielsweise für den amerikanischen und europäischen Markt zuständig. Durch die zunehmende Digitalisierung brauchten wir einfach ein Label, das weltweit vertreibt.

Was bedeutet der Albumtitel "Parastrophics"?

JAN: Er ist schon so gewählt, dass er immer eine Reihe von Interpretationsmöglichkeiten offenlässt. Es ist oft bei unseren Titeln so, dass sie wie übereinandergelegte Schablonen funktionieren und eine neue Form ergeben, die manchmal ein bisschen diffus wirkt. Wenn man die Schablonen dann wieder abträgt, merkt man aber, dass die Umrisse doch wieder etwas Klares ergeben. "Parastophics" hat verschiedene Kontexte. Es sind Parallelen und Gleichungen. In der Algebra gibt es den Begriff der Parastrophe zum Beispiel. Das sind Ähnlichkeitenverhältnisse. Es sind Gleichungen, die auf ihren jeweiligen Seiten sehr unterschiedlich wirken, aber in ihren Potenzen gleiche Mengen ergeben. Man muss aber eben potenziert rechnen, um zu diesem Bild zu kommen, dass dann tatsächlich ein Gleichgewicht ist. Es stecken aber auch andere Assoziationen wie die Parallele oder die Strophe darin. Eines der Grundthemen des Albums, auch wenn man dies den Stücken nicht immer anhört, ist das Bild einer Figur, die wir vor Augen hatten. Eine Figur, die nicht klar definiert ist als Mann oder Frau, ein Charakter, der sich immer wieder neu erfindet.

Wie steht Ihr eigentlich zu dem Genrebegriff IDM, Intelligent Dance Music, der ja zur Kategorisierung von Bands wie Euch erfunden wurde?

JAN: Wir haben ja schon einige Definitionen überlebt. Sagen wir es mal so, wir benutzen den Begriff nicht, und er hat für uns keine Relevanz. Wir haben aber auch kein Problem damit, dass der Begriff im Zusammenhang mit unserer Musik auftaucht. Irgendein Label braucht es ja immer.

Welche Bezeichnung mögt Ihr denn am liebsten, von den vielen, die Ihr überlebt habt?

JAN: Musik! Und wenn noch irgendein Adjektiv dazu muss, dann habe ich tatsächlich nichts gegen experimentelle Musik. "Genrebusting" klingt auch immer gut.

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