Wer hat an der Uhr gedreht?

In Martin Scorseses 3D-Film „Hugo Cabret“ will ein Waisenjunge die Zeit anhalten

Die nostalgische Geschichte des amerikanischen Regisseurs spielt auf einem Pariser Bahnhof des Jahres 1931 und ist eine Ehrerbietung an das Kino.

Von Martin Schwickert

Ganz Paris liegt dem kleinen Hugo (Asa Butterfield) zu Füßen, wenn er am Bahnhof Montparnasse die riesigen Bahnhofsuhren einstellt. Sein versoffenenr Onkel hat ihm mit dieser Arbeit alleingelassen. Foto: fnp Fingerübung, Herzensangelegenheit oder Meisterwerk – die Filmgeschichte wird sich wohl schwertun mit der Einordnung von "Hugo Cabret", dem neuen Werk von Martin Scorsese, der sich mit Filmen wie "Taxi Driver", "Raging Bull" oder "Good Fellas" auf der Leinwand verewigt hat. Es ist Scorseses erster Familienunterhaltungsfilm, gedreht in 3D, mit einem kleinen Jungen als Hauptfigur. Aber es ist auch eine Liebeserklärung an das Kino im allgemeinen und vor allem an dessen Pioniere. Mit modernster Technik verneigt sich der begeisterte Filmarchivar Scorsese hier vor den Gründervätern des Mediums.

Angesiedelt ist die Verfilmung von Brian Selznicks Kinderbuch "Die Entdeckung des Hugo Cabret" im Paris des Jahres 1931. Haupthandlungsort ist der Bahnhof Montparnasse, wo der zehnjährige Waisenjunge Hugo Cabret (Asa Butterfield) lebt. Sein versoffener Onkel hat ihn mit der Wartung der Bahnhofsuhren betraut und ist danach verschwunden. Seitdem fristet der Junge auf dem Bahnhof sein Dasein, zieht Tag für Tag die Uhrwerke auf und stiehlt sich, was er zum Leben braucht.


In einer atemberaubenden 3D-Fahrt folgt die Kamera zu Beginn Hugo durch die geheimen Gänge hinter den Bahnhofskulissen, gibt durch versteckte Fenster den Blick frei auf die Menschenmassen, die sich durch die Hallen drängen, oder auf das Häusermeer der Stadt. Mit Uhren kennt Hugo sich aus. Sein früh verstorbener Vater (Jude Law) war Uhrmacher und hat ihm einen Maschinenmann hinterlassen, dessen komplizierte Mechanik Hugo seit Jahren in Gang zu setzen versucht.

Auf dem Bahnhof lernt der Junge Isabelle (Chloë Grace Moretz) kennen, deren Stiefvater Monsieur Georges (Ben Kingsley) dort einen kleinen Spielzeugladen hat. An einer Halskette trägt das naseweise Mädchen einen herzförmigen Schlüssel, der genau in das Uhrwerk von Hugos Maschinenmann zu passen scheint. Für die beiden Kinder beginnt eine mysteriöse Entdeckungsreise in die Vergangenheit des verbitterten Spielzeughändlers, der einmal ein eigenes Filmstudio besessen hat und zu den wichtigsten Pionieren des Kinos gehörte. Es handelt sich hier um George Méliès, der in der Zeit von 1896 bis 1912 mehr als 500 Filme in den verschiedensten Genres drehte.

Die Verbindung zwischen Kinderabenteuer und Filmgeschichtsstunde funktioniert in "Hugo Cabret" genauso gut wie die Mischung von Nostalgie und moderner 3D-Technik. In den zwei Jahren seit "Avatar" wurden viele Filme dreidimensional nach- und hochgerüstet, aber kaum einer hat die Technik so differenziert und kreativ eingesetzt, wie es Scorsese hier tut: von der wilden Fahrt durch die geheimen Gänge von Montparnasse über einen in den Bahnhof ungebremst hineinrasenden Zug bis hin zu Dampfwolken und Staubpartikel, die in den Kinosaal hineinzuschweben scheinen.

Über die 126 Minuten Laufzeit hinweg entwickelt die Geschichte zwar einige Längen. Aber die visuellen Reize dieses meisterlichen Bilderrausches gleichen die gelegentlichen dramaturgischen Schwächeanfälle mühelos aus. Martin Scorsese betreibt das Kino hier als Illusionsmaschine, die ihr Publikum nicht nur unterhalten, sondern staunen lassen will. Herausragend

Frankfurt: Berger (dt. und engl.), E-Kinos, Metropolis. Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex. Offenbach: Cinemaxx.

Mainz: Cinestar

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