Vega steht kurz vor dem Start

Europas Trägerraketenfamilie erhält Zuwachs, um auch kleine Satelliten ins All befördern zu können

Wenn alles so weiterläuft wie bisher, wird am kommenden Montag Europas neue Trägerrakete Vega den ersten Flug durchführen und damit als kleinerer Bruder der Ariane 5 ins Satellitengeschäft einsteigen.

Von Bernhard Mackowiak

Start frei für Vega! Sie ist die jüngste und kleinste der im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation entwickelten Trägerraketen. Am Montag soll der Countdown erfolgen. Foto: ESA/S. CorvajaSchon der erste Anblick lässt ihre Herkunft erkennen. Neben der viel breiteren Raketenspitze, in der die Nutzlast untergebracht ist, zeigt die Flaggenparade europäischer Länder auf der zentralen Hülle, dass hier eine neue Trägerrakete der Europäischen Raumfahrtorganisation Esa auf den Start ins All wartet. Mit einer Höhe von 30 Meter, einem Durchmesser von 3 Meter sowie einem Startgewicht von 137 Tonnen ist die Vega neben der großen und schweren Ariane 5 sowie der von Russland übernommenen mittelgroßen Sojus fast ein Leichtgewicht; aber sie ergänzt diese beiden Träger auf ideale Weise.

Fachleute bezeichnen die erste Mission der Vega als "Qualifikationsflug", denn es wird nicht nur die Flugtauglichkeit der gesamten Rakete getestet, sondern auch die Startinfrastruktur und der Betrieb einer genauen Erprobung und damit Beobachtung unterzogen. Er umfasst den Zusammenbau der Rakete in einem speziellen Gebäude, ihren Transport zur Startrampe, den Countdown und dann in der Erdumlaufbahn die Abtrennung der Nutzlast sowie schließlich die sichere Entsorgung der Oberstufe, worauf wegen des zunehmenden Weltraummülls ein immer größeres Augenmerk gelegt wird.

Knallharte Konkurrenz

Daneben hat das Transportsystem Vega auch schon die für es vorgesehene Arbeit zu leisten, nämlich kleine bis kleinste Satelliten zwischen 300 und 2500 Kilogramm sicher, zuverlässig, effizient und damit wettbewerbsfähig ins All zu bringen, denn die Konkurrenz auf dem internationalen Satellitentransportmarkt ist groß und natürlich hart. Neben den traditionellen "Weltraumspediteuren" USA und Russland werben nicht nur China und Indien, sondern auch eine neue Generation privater Unternehmen immer selbstbewusster um Kunden. Über knallharte Billigangebote wollen sie den europäischen Marktführer Arianespace aus dem Raumfahrtgeschäft hebeln. Der Kauf von 14 Sojus-Raketen 2011 hat dem auf dem kommerziellen Sektor – sprich Kommunikationssatelliten – erst einmal einen Riegel vorgeschoben. Aber die Verantwortlichen wollen noch flexibler sein, um auch den Markt für kleine Satelliten mit einem Gewicht von 400 bis 1000 Kilogramm bedienen zu können, der sich seit den 90er Jahren entwickelt hat. Beispielsweise wurde 2002 das Iridium-Kommunikationssystem mit Satelliten von nur 725 Kilogramm Gewicht aufgestellt, davon jedoch sind 93 Stück in den Erdorbit gebracht worden. Im Zuge dieser Entwicklung wurden auch die Forschungssatelliten immer kleiner und spezialisierter.

Italienische Initiative

1998 beschloss dann die Esa, nun auch den Weg eines Kleinsatellitenträgersystems zu beschreiten, und machte 1999/2000 Vega zum offiziellen Projekt. Die Initiative ging übrigens von Italien aus, weshalb Vega eine Abkürzung der italienischen Projektbezeichnung "Vettore Europeo di Generazione Avanzata" ist. Nicht umsonst werden bei dieser Mission zwei größere italienische Satelliten namens Lares (Laser Relativity Satellite) und 400 Kilogramm schwer sowie der 12,5 Kilogramm wiegende Alma-Sat 1 den meisten Platz in der 20 Kubikmeter umfassenden Nutzlastspitze der neuen europäischen Trägerrakete einnehmen. Zusätzlich werden sieben Mikrosatelliten in den Erdorbit gebracht, die von sieben europäischen Universitäten gestellt werden: Italien (e-St@r und Uni-CubeSat GG), Rumänien (Goliat), Ungarn (Ma-Sat-1), Polen (PW-Sat), Frankreich (Robusta) und Spanien (Xatcobeo).

Hier zeigt sich, dass die Vega wie die Ariane eine sehr flexible Rakete ist. Neben einer Einzelnutzlast von 300 bis 2500 Kilogramm Gewicht können auch zwei Satelliten übereinander als Doppelstart befördert werden. In diesem Fall darf jeder Satellit dann maximal 1000 Kilogramm schwer sein. Daneben ist es möglich, außer einer Hauptnutzlast von maximal 2000 Kilogramm Gewicht bis zu 3 Mikrosatelliten von maximal 100 Kilogramm Gewicht als Sekundärnutzlast mitzuführen – eine ähnlich geartete Nutzlastkombination wird ja bei diesem Flug praktiziert.

Einige der die Nutzlast stellenden Länder waren auch an der Entwicklung der Vega beteiligt, deren Kosten 221 Millionen Euro betragen. Leider fehlt Deutschland dabei, denn als entsprechende Überlegungen für einen "Satelliten-Kleintransporter" bei der Esa angestellt wurden, hielt man in Deutschland die Entwicklung dieser Raketen nicht für aussichtsreich genug, nachdem von 2000 bis 2005 der Markt für Nutzlasten dieser Größenordnung rapide eingebrochen war. Dabei hatte MAN die Hüllen der Feststoffbooster der Ariane 5 gebaut und konnte somit auf diesem Sektor entsprechende Erfahrungen aufweisen; denn die drei unteren Stufen der Vega werden mit festem Treibstoff betrieben, und ihr Antrieb beruht auf der Technologie der Ariane 5. Dagegen ist die vierte Stufe, welche die Nutzlast transportiert, mit einem Triebwerk für Flüssigtreibstoff ausgestattet.

Nahe dem Äquator

Für den Start ist ein zweistündiges Startfenster zwischen 10 und 12 Uhr Weltzeit oder 11 bis 13 Uhr MEZ einzuhalten. Und der Ort dafür ist günstig, denn da Kourou nur 500 Kilometer vom Äquator entfernt liegt, bekommen alle Raumfahrzeuge wegen der größeren Rotationsgeschwindigkeit der Erde einen zusätzlichen Schwung, der sich treibstoff- und damit geldsparend auswirkt.

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