Vom Fastnachtstrubel zum Aschenkreuz

Am heutigen Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit

Am Aschermittwoch ist alles vorbei – klagen die Fastnachter. Am Aschermittwoch geht‘s aber auch los – das Fasten. 40 Tage dauert die Fastenzeit, die zu Ostern endet. Es gibt Menschen, die beides tun: Feiern und fasten. Andreas Gottselig ist einer von ihnen.

Von Jürgen Walburg

Frankfurt. Andreas Gottselig wird auch in seinem geliebten Cafe-Wacker von Nena Acker fasten. Foto: RüfferDie heiße Phase der Fastnacht beginnt für den selbständigen Grafikdesigner und Kommunikationsberater Andreas Gottselig (45) mit der traditionellen Fernsehübertragung "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht". Der gebürtige Darmstädter mag den feinsinnigen, politischen Humor der "Meenzer". Platte Kalauer und derbe Witzchen, wie in anderen Fastnachtssitzungen, waren noch nie sein Ding.

Nah beim Chef

Gemeinsam mit seiner Frau mischt er sich an den drei tollen Tagen auch im närrischen Outfit bei einer Veranstaltung in Frankfurt unters schunkelnde Volk, bevor Gottselig am Aschermittwoch vom Freund des Frohsinns zum nachdenklichen Menschen wird. Er fastet. Aus religiösen Gründen. Und daher ist das Aschenkreuz für ihn das Symbol für die menschliche Vergänglichkeit – und den Beginn einer Zeit, in der er "nah beim Chef" sein will. "Der Chef", das ist Gott. Gottselig ist ein gläubiger Katholik. Und die Fastenzeit ist seit etwa zehn Jahren für ihn Anlass, sein Leben zu hinterfragen, über das Menschsein nachzudenken – und zu fasten. Aber nicht so ein bisschen, sondern richtig. Persönliche Krisen waren vor einem Jahrzehnt für ihn der Auslöser, mit dem Fasten zu beginnen.

Der Ablauf ist seitdem jedes Jahr ähnlich. In der ersten Woche isst Gottselig gar nichts, verzichtet sogar auf den geliebten Kaffee und natürlich erst recht auf Torten und Kuchen. Die mag er besonders gern im Café Wacker im Mittelweg. Dort ist er seit Jahren Stammgast, denn seine Firma ist in der Nachbarschaft.

"Viel trinken ist beim Fasten wichtig", sagt er, "sonst macht der Körper schlapp." Während des Fastens arbeitet Gottselig ganz normal in seinem Unternehmen. Auf Sport verzichtet er allerdings, der Tennisschläger bleibt bis Ostern in der Tasche.

In der zweiten Fastenwoche kehrt Gottselig zum Essen zurück. Ganz langsam, "mit Suppe und Erdnüssen". Der 45-Jährige kocht sehr gern und genehmigt dem Körper nach und nach die geforderte Energie. Manche Menschen fasten, um abzunehmen. Gottselig nicht – das hat er auch gar nicht nötig. "Allerdings nehme ich dann tatsächlich etwa drei Kilo ab", weiß er. "Schmal bist du geworden", sagen Bekannte stets nach der Fastenzeit zu ihm.

Das Leben hinterfragen

Die 40 Tage Fastenzeit sind für Gottselig nicht nur Anlass, in sich hinein zu hören und zu erleben, wie alle Sinne schärfer werden, sondern auch über die Worte nachzudenken, die wir im täglichen Gespräch verwenden. Verletzen wir jemanden? Oder werden wir verletzt? Es sind immer neue Erfahrungen, die Gottselig in der Fastenzeit macht und die er nicht missen möchte. Er betont: "Die Fastenzeit ist für mich nicht abzukoppeln vom Auferstehungsgeschehen. Mein persönlicher Glaube daran ist der Mittelpunkt, Schlüssel des Christseins. Wenn ich nicht glauben würde, dass Jesus auferstanden ist, wäre für mich das Fasten nur ein Ummich-selber-drehen anstatt des Glaubens an den Zuspruch eines gütigen Gottes." Daher gehört für ihn zum Fasten auch das Lesen der Bibel. "Ich tue dies, um mehr davon zu erfahren, wie sich der Schöpfer das Menschsein vorstellt und wieweit ich persönlich dem Menschsein entspreche, wie es von Gott gedacht sein könnte." Spannend werde seine persönliche Fastenzeit dann, "wenn Gedanken, Überlegungen Konsequenzen haben und ich mich selbst bewege, mich verändere, engagiere, in Beziehung zu anderen trete".

Ist das Aschenkreuz für Andreas Gottselig der symbolische Auftakt für die Fastenzeit, so setzt die Osternacht mit der Auferstehung Jesu Christi für ihn den Endpunkt. Das Ostermahl inbegriffen.

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