"Die Zeit war abgelaufen"

Taunus-Politik hält Wulffs Rücktritt für richtig und überfällig – Immer wieder fällt der Name Gauck

Es kommt selten vor, dass Vertreter aller Parteien gleicher Meinung sind. Hergestellt hat diesen Konsens Christian Wulff mit seinem Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten. Denn diesen halten die Taunus-Politiker unisono für den einzig richtigen Schritt. Ganz unterschiedlich ist jedoch der Zungenschlag ihrer Stellungnahmen. Mit Video und Umfragen

Hochtaunus. Gestern kurz nach seinem Rücktritt hing das Bild von Christian Wulff noch in den Amtsstuben – wie hier im Bad Homburger Landratsamt. Nach Meinung vieler Politiker war es allerdings auch vorher schon kurz vor 12. Foto: Jochen Reichwein Üblicherweise schlägt bei Rücktritten die Stunde des politischen Gegners. Doch in Sachen Christian Wulff hält auch die CDU mit Zustimmung zu seinem Rücktritt vom Amt dem Bundespräsidenten nicht hinterm Berg.

Landrat Ulrich Krebs (CDU) hält diesen Schritt für "folgerichtig", nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen hat. Es sei wichtig, dass das höchste Amt im Staat keinen weiteren Schaden nimmt.

Überrascht von diesem Schritt ist auch der Vorsitzende der Hochtaunus-CDU, Jürgen Banzer, nicht. "Ich bin froh, dass wir jetzt Frau Merkel haben", sagt er. Sie habe angekündigt, auf SPD und Grüne zuzugehen, was ein neues politisches Gesamtbild möglich mache. Dies werde sich auf die politische Kultur auswirken, ist sich Banzer sicher. "Bundespräsidenten-Wahlen bieten immer die Möglichkeit, neue Konstellationen einzuläuten."

Viele Vorschläge

Nicht nur für das Amt, sondern für die Politik insgesamt sei die Affäre alles andere als gut gewesen, sagt Friedrichsdorfs Erster Stadtrat und CDU-Stadtverbandsvorsitzender Norbert Fischer, der den Rücktritt für einen notwendigen Schritt hält. "Sicher ist das Verhalten der Öffentlichkeit Politikern gegenüber insgesamt anders geworden. Aber es gibt auch Politiker, die ihren Teil dazu beigetragen haben." Dem Ansehen der Politik würde es seiner Meinung nach gut tun, wenn die demokratischen Parteien einen Kandidaten fänden, den sie gemeinsam tragen können. Fischer: "Ich persönlich halte Joachim Gauck für einen sehr guten Kandidaten, aber auch Thomas de Maizière genießt hohes Ansehen. Norbert Lammert sehe ich ebenfalls als möglichen Kandidaten an. Oder man findet jemanden fernab der Politik. Es sollte jedenfalls jemand sein, von dem man sicher sein kann, dass er größtmögliche Integrität und Durchsetzungsvermögen besitzt."

Mit ähnlichem Tenor, aber ohne Namen zu nennen, äußert sich der Bundestagsabgeordnete und FDP-Chef im Kreis, Dr. Stefan Ruppert. "Es muss ein Kandidat sein, der auf breite Akzeptanz stößt und niemand, der polarisiert." Die Entscheidung Wulffs hält er für den richtigen Schritt. Dennoch ist er gespannt, wie sie sich in der Rückschau darstellen wird, zumal wenn es zu einer Einstellung des Verfahrens kommen sollte.

Der Kreistagsvorsitzende Manfred Gönsch (SPD), der den Rücktritt ebenso wie die Homburger SPD-Vorsitzende Elke Barth für mehr als überfällig hält, meint: "Frau Merkel ist schmählich gescheitert", denn Wulff war ihr Kandidat. Eine Spitze gen Merkel äußert auch Barth in puncto Suche nach einem Nachfolger: Sie würde die Bundeskanzlerin "herzlich bitten, sich mit ihren Vorschlägen zurückzuhalten", sagt Barth süffisant. Wulff habe das Amt schwer beschädigt – eine Bürde, die jeder neue Kandidat trage.

Auch der Vorsitzende der Kreis-Grünen, Norman Dießner, meint zum Rücktritt: "Es wurde Zeit", und er mahnt bei der Nachfolger-Suche, "dass die Entscheidung nicht wieder von Merkels Partei- und Machtpolitik bestimmt sein darf". Joachim Gauck sei bei der vergangenen Wahl Spielchen zum Opfer gefallen. Für Dießner ist er aber weiterhin ein sehr guter Kandidat.

Gute werden knapp

Den Namen Gauck bringt auch Dr. Christoph Müllerleile, stellvertretender Fraktionschef der Freien Wähler im Taunus, ins Spiel. Er sei eine "anerkannte integere Persönlichkeit" mit "erheblichem Glaubwürdigkeitspotenzial". Müllerleile bedauert allerdings sehr, dass Wulff zurückgetreten ist. Der Oberurseler kennt den Niedersachsen noch aus der gemeinsamen Zeit im Bundesvorstand der Jungen Union. "Man muss sich fragen, ob der Vorrat an guten, aufstrebenden Bundespolitikern nicht bald aufgebraucht ist, wenn jeder wegen seiner Vergangenheit belangt wird", meint Müllerleile.

Dass es nicht leicht wird, jemanden zu finden, denkt auch der Kronberger Bürgermeister Klaus Temmen (parteilos), der den Rücktritt auch für überfällig hält. Er meint, es sei zu überlegen, ob es nicht eine Frau werden sollte.

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