Seulberger Winter wie 1956

Helmut Weinmann hat ein umfangreiches Archiv: Über Jahre notierte er akribisch die Temperaturen

Klirrende Kälte, tagelanger Frost: Die extreme Witterung ist für den Seulberger Hobby-Wetterfrosch Helmut Weinmann Grund, für die TZ in seinen Aufzeichnungen nach vergleichbaren Wintern zu stöbern. Und tatsächlich: Vor 66 Jahren gab es einen Ähnlichen Verlauf der Temperaturkurve. Nach einem milden Start ging es Ende Januar mit den Temperaturen steil nach unten.

Von Katja Schuricht

Für Helmut Weinmann ist der tägliche Gang zum Thermometer seit Jahren ´Routine. Foto: SchurichtSeulberg. Nachts bis minus 16 Grad und Tageshöchsttemperaturen von 8 Grad unter null – in Seulberg herrscht sibirische Kälte. Es ist auch die tiefste Nachttemperatur, die Helmut Weinmann mit dem Außenthermometer an seiner Hauswand in diesem Winter gemessen hat.

Doch ganz so außergewöhnlich, wie manche denken, ist der Winter nicht. "Ganz ähnliche Wetterverhältnisse herrschten im Winter 1955/56", so der Hobby-Wetterfrosch. "Da hatten wir, so wie in diesem Winter, zunächst im November und Dezember eher milde Temperaturen und dann Ende Januar kam die Eiseskälte", berichtet Weinmann.

Der Seulberger hat ein ganz besonderes Hobby: Seit vielen Jahren misst er Tag für Tag die Höchst- und Tiefsttemperatur an seinem Thermometer neben der Eingangstür und notiert die Daten. Als jetzt in einem Telefonat mit einem Verwandten die außergewöhnliche Kälte zur Sprache kam, waren Weinmanns sorgfältig archivierte Unterlagen gefragt: "Einen so extrem kalten Winter gab es zuletzt 1955/56", berichtet Weinmann, der auch für die TZ in seinen sorgfältig archivierten Aufzeichnungen nachgeschaut hat: "Der Winter damals hat die aktuellen Werte sogar noch um ein paar Grad getoppt", erklärt Weinmann. "Da waren es in der Nacht auf den 1. Februar 1956 minus 21 Grad. Tagsüber ist das Thermometer dann nicht über minus 15 Grad gestiegen."

Wetter als Passion

Der 74-Jährige war schon als kleiner Junge vom Wetter fasziniert. "Ich habe 1953 damit begonnen, die Tageshöchstwerte und die Tiefsttemperaturen aufzuschreiben." Gerne hätte der gebürtige Seulberger seine Faszination für das Wetter auch zum Beruf gemacht. "Ich wollte zum Wetterdienst. Doch der war damals noch im Aufbau. Hinzu kam, dass ich nur die mittlere Reife hatte und man als Voraussetzung für die Ausbildung zum Wetterdiensttechniker Abitur gebraucht hat", weiß er noch.

So entschied er sich, Buchhändler zu werden. "Ich weiß noch, dass ich mir von meinem ersten Lehrgeld ein ordentliches Thermometer, ein Maximum-Minimum-Thermometer, gekauft habe", erinnert er sich. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1997 hat Weinmann in verschiedenen Frankfurter Buchhandlungen gearbeitet.

Berufsbedingt hat er sein großes Hobby, die Wetteraufzeichnung, ruhen lassen. "Ich habe von 1963 bis 1997 pausiert", erzählt er. Aber seit 1997 gibt es keinen Tag, an dem er nicht die Höchst- und Tiefsttemperaturen notiert hätte. "Abends, kurz bevor es dunkel wird, gehe ich nach draußen und lese den Tageshöchstwert ab. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, gehe ich schauen, wie kalt die Nacht war", so Weinmann. Zeitweise hat er sich auch die Mühe gemacht, die Daten eines jeden Monats auszuwerten, und Kurven mit dem Tagesdurchschnitt, dem Tagesmaximum und dem Tagesminimum erstellt.

Wenn Weinmann mal verreist ist, hält sein Sohn Martin die Stellung – ein würdiger Vertreter: Der 46-Jährige ist, angesteckt durch das Hobby seines Vaters, Meteorologe geworden.

Auch sommerliche Extreme

Extreme Witterungen, sagt Helmut Weinmann mit Blick auf seine Seulberger Temperaturchronik, habe es immer mal wieder gegeben. "Milde Winter sind meiner Meinung nach keine ersten Anzeichen des Klimawandels. Milde Winter gab’s auch schon in den 1960er- und 1970er- Jahren." Und auch sommerliche Wetterextreme kommen ihm in den Sinn: "Ich erinnere mich noch an den Sommer 1949. Der war nicht nur sehr heiß. Das Schlimme war, dass es von Mai bis September keinen Tropfen Regen gab", so Weinmann. "Es gab kaum Obst, denn die Blüte war durch die Hitze verbrannt."

Und was ist für den 74-Jährigen das Faszinierende an seinen täglichen Wetterstudien? "Es ist die Unberechenbarkeit", meint er. "Das Wetter ist jedes Jahr anders, egal, welche Jahreszeit der Kalender anzeigt."

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