Liebe auf den ersten Blick

Vor der Christuskirche trafen sie sich das erste Mal – und dort haben die Grafs auch vor 65 Jahren geheiratet

1947 gaben sich Franziska und Walter Graf das Versprechen, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzubleiben. Sie haben’s gehalten und feiern heute eiserne Hochzeit.

Von Andrea Rosenbaum

Stierstadt. Gern blättern Franziska und Walter Graf in ihren Fotoalben. In 65 Jahren sind einige Aufnahmen zusammengekommen. Foto: jr Die Verbundenheit und der Zusammenhalt, die entstehen, wenn man 65 Jahre gemeinsam durch dick und dünn gegangen ist, sind bei Franziska und Walter Graf deutlich zu spüren. "In den wichtigsten Dingen waren wir uns immer einig", betonen die beiden Stierstädter, die heute eiserne Hochzeit feiern.

Gerne erinnert sich Walter Graf noch an seine Jugend in der Adenauerallee, die früher einfach nur "die Allee" genannt wurde: "Aus dem Fenster unserer Mansardenwohnung konnte ich die Maikäfer im Frühjahr fliegen sehen", schwärmt er, "später habe ich Franziska in der Allee oft getroffen." Bei ihm sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen, lächelt der gelernte Dreher und spätere Werksmeister. "Sie kam vom Konfirmandenunterricht die Treppe der Christuskirche hinunter und ich lief diese gerade hoch", weiß er noch genau. "Mir kam sie vor wie e Engelsche, und ich habe diesen Anblick nie mehr vergessen."

Was für eine schöne Liebeserklärung zur eisernen Hochzeit. Franziska Graf, die neben ihrem Mann sitzt, blickt fast etwas verlegen. Die gebürtige Frankfurterin, die 1935 mit ihrer Familie nach Stierstadt in die Taunusstraße kam, war eine patente junge Frau, die überall mit anpackte. Friseurin habe sie gelernt beim Salon Ruppel, den Chef habe sie einfach persönlich angesprochen, ob er nicht ein Lehrmädchen gebrauchen könne, erzählt sie.

Walter wurde 1943 eingezogen. Gerade, nachdem die jungen Leute sich einige Male nach der ersten Begegnung auf der Kirchentreppe in der Adenauerallee wiedergetroffen hatten. Denn Franziska brachte oft frisches Obst aus dem Garten der Eltern in eine Eisdiele auf der Allee. Er schickte ihr eine Karte aus der Gefangenschaft in Frankreich, und sie schrieb zurück: "Es wird Zeit, dass du bald zurückkommst, damit wir uns über unsere gemeinsame Zukunft aussprechen können." Der anständige Walter jedoch wollte seine Franziska nicht binden, bis er heil aus dem Krieg zurückgekehrt war: "Ich habe das Elend gesehen, der Krieg war einfach grauenhaft. Und ich wusste ja nicht, ob ich unversehrt wieder zurückkomme. Das kann man einem jungen Mädchen nicht zumuten."

Also habe sie nichts mehr von ihm gehört, erinnert sich seine Gattin. "Doch 1946 stand er eines Tages vor der Tür und ist seitdem nicht mehr weggegangen."

Am 22. Februar 1947 haben die beiden in der Christuskirche geheiratet. "Bald kam unser erster Sohn Manfred zur Welt", erzählt Franziska Graf. 1949 folgte das zweite Kind, Michael. Walter arbeitete in seinem Beruf, Franziska zog die Kinder groß und pflegte ihre Eltern. Da ihr Angetrauter ein geschickter Handwerker war, wurde bald in der Taunusstraße 120 viel gebaut. "Wir haben mit vier Generationen in einem Haus gewohnt, das war nicht immer einfach", erinnert sich die Mutter zweier Söhne, die alle Zimmer selbst tapezierte. "Wir haben auch mal gestritten, aber nie ums Geld", schmunzeln die beiden. Es sei ein arbeitsreiches, nicht immer leichtes Leben gewesen, fügen sie hinzu, aber sie hätten immer zusammengehalten und sich gegenseitig zugearbeitet. "Wir sind froh, heute noch zusammen sein zu dürfen, auch wenn’s gesundheitlich nicht mehr so geht", betont Walter Graf mit einem Seitenblick auf seine Franziska, und seine Augen werden dabei ein wenig feucht.

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