Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 27.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Witzig und wahr – von Vince Ebert
Meine Nachbarin Sabine ist ein guter Mensch. Da ihr Mann gut verdient und sie daher nicht arbeiten muss, hat sie viel Zeit, sich um das Gutsein Gedanken zu machen. Sehr viel Zeit. Zum Beispiel engagiert sich ganz toll für die Umwelt.
Sabine ist der Meinung, wenn man nur früher auf Greenpeace gehört hätte, dann wären die Dinosaurier heute noch am Leben.
Zur Erinnerung: Die Dinosaurier sind durch ein rein natürliches Ereignis ausgestorben. Vor 65 Millionen Jahren schlug ein Meteorit im Einklang mit der Natur auf der Erde ein. Dummerweise genau zu dem Zeitpunkt, als alle Dinos ganz dicht beieinander standen.
Trotzdem müssen wir alles tun, um unsere Natur zu erhalten, sagt Sabine. Natürlich meint sie nicht die Natur in Form von Meteoriteneinschlägen, Colibakterien oder Tsunamis.
Eher so von Eisbären, Robben oder Delfinen. «Die müssen unbedingt geschützt werden!» Ich denke kurz nach und frage sie: «Was aber ist, wenn ein Eisbär eine Robbe jagt?» Sie stutzt und antwortet: «Jaaa, aber der Eisbär meint das ja nicht so...»
Natürlich kauft Sabine auch grundsätzlich nur sauberen Strom. Ökostrom, der nicht von einem bösen Atomkraftwerk erzeugt wird, sondern ganz natürlich. Zum Beispiel von einem Windrad. Das schreddert zwar öfters mal einen Storch, aber davon ist zum Glück nichts mehr zu sehen, wenn der Strom aus der Steckdose kommt. Höchstens, wenn die Birne mal kurz flackert.
Auch die ungerechte Verteilung von arm und reich auf diesem Planeten macht Sabine Kopfzerbrechen. Als ich in der Neujahrsnacht einen Kanonenschlag auf der Straße zünden wollte, rief Sie mir voller Abscheu zu: «Brot statt Böller!» Als ich sie darauf hinwies, dass unser Silvesterfeuerwerk doch vorwiegend von Arbeitskräften in den Entwicklungsländern hergestellt wird, zieht sie beleidigt ab.
Denn nichts hasst Sabine mehr als sich mit der Realität auseinander zu setzen. Deswegen hat sie auch zusammen mit ihren Freundinnen, die sich ebenfalls den Luxus des Nichtstuns erlauben können, eine Religion gegründet. Weil das Christentum aus der Mode gekommen ist, beschäftigt man sich lieber mit der Rettung von Lurchen und Pandas, der Luft und des Bodens – eben unserem ganzen Planeten. Dieses Ziel ist begrüßenswert und durchaus ehrenwert, wenn es nur halbwegs durchdacht wäre.
Bei Sabine jedoch habe ich den leisen Verdacht, ihr ist es wichtiger, dass Umweltprobleme böse sind, als dass sie reduziert werden. Die kindische Verehrung der Natur erlaubt es Sabine, sich selbst als etwas Besseres zu fühlen als Leute, die einfach nur sagen, dass ein Ölfilm auf dem Wasser Seevögeln nicht besonders gut tut.
Selbstverständlich ist sie auch in einer Bürgerinitiative gegen Elektrosmog. Viele dieser Mitglieder leiden nachweislich an Gehirnschäden, weil sie mit einem schnurlosen Telefon oder einem Handy telefoniert haben. Diese Gehirnschäden sind übrigens auch von Laien problemlos erkennbar. Meist reicht ein kurzes Gespräch.
Neuerdings will Sabine sogar mit ein paar ihrer Freundinnen eine Organisation gründen, die das Weltklima stabilisiert. Ein reichlich großer Anspruch für Menschen, die noch nicht mal ihr Soziologie-Studium geschafft haben.
Außerdem kritisiert sie das exzessive Konsumverhalten Ihrer Mitmenschen, ohne anscheinend zu realisieren, dass ihre vollständige Plattensammlung von Bob Dylan, ihre Brecht-Originalausgabe und der Walldorfkindergarten, in den ihr verwöhnter Fratz geht, genau die gleichen Prestigeobjekte sind, die sie bei anderen verurteilt.
Wie die meisten guten Menschen fühlt sich Sabine trotzdem schuldig. Zurecht. Denn sie geht mir permanent mir ihrem Gutsein auf die Nerven. Deswegen habe ich gestern Nacht heimlich auf ihrem Auto einen Aufkleber befestigt. Neben der Friedenstaube und dem «Gentechnik Nein Danke»-Sticker findet sich jetzt der Spruch: Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, wird Golfspielen richtig Spaß machen.


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