01.07.2009

Witzig und wahr

Der King of Pop ist gestorben, die Trauer ist übergroß, sogar bei der Bild-Zeitung. Leser sind dort seit Tagen eingeladen, Jacksons legendären Moonwalk nachzutanzen und das mit der Handykamera aufzunehmen, um das verwackelte Bild an die Redaktion zu schicken. Getreu dem Waldorfschul-Motto: «Tanz deine Trauer aus dir raus.» Vor allem für viele Promis ist Jacksons Tod eine willkommene Gelegenheit, mal wieder mit voller Wucht bestürzt zu sein. Ein galanter, tieftrauriger Satz kann der eigenen eingeknickten Karriere nur nutzen.

So bekennt Boris Becker: Mein Lieblingssong war «Don’t stop til you get enough». Zu deutsch: «Hör nicht auf, bevor du genug hast.» Oder wie Boris Becker sagt: Heiraten, was geht. Für ihn ist der Tod von Jackson besonders tragisch, schließlich hatte er ihn schon auf der Heiratsliste.

Sängerin Cher bekannte zu Jackson: «Wenn ich an ihn denke, denke ich an diesen optimistischen, bezaubernden Teenager.» Übersetzt bedeutet das: «Schade, jetzt bin ich das letzte große wandelnde Ersatzteillager.»

Der Schriftsteller Hermann Hesse, eine Art ewiger King of Pop der Spätpubertierenden, hat einst geschrieben: «Der Bürger hängt heute den als Verbrecher, dem er übermorgen Denkmäler setzt.»

Da gilt besonders für Michael Jackson. Bis vor ein paar Tagen galt die bange Frage: «Würden Sie diesem Mann Ihre Kinder anvertrauen?» Heute ist er der größte Musiker – und der beste Papa aller Zeiten gleich noch dazu.

Das bringt einen Funken Hoffnung in die Trauer. Für alle von der Wirtschaftskrise gebeutelten, hoch verschuldeten Musiker mit ramponiertem Image gilt ab sofort: Frühzeitiges Ableben lohnt sich.

Bist du erst ordentlich gestorben, klappt’s auch mit dem Image wieder und sogar deine alten Platten verkaufen sich wie Bolle. Gestern noch in der «Nice Price»-Ramsch-Ecke für 5,95 vertickert, kostest du posthum wieder ordentliche 19,95 Euro. Jacksons Album «Thriller» ist nach seinem Tod in den USA sofort auf den ersten Platz der itunes-Charts eingestiegen.

Neue Geschäftsbereiche tun sich auf: Künstler, die Krankheiten in fortgeschrittenen Stadien nachweisen können, dürfen jetzt auf lukrative Verträge hoffen: «Gewinnbringendes Sterben nach der Jackson-Methode». Die wichtigsten Regeln:

Sorgen Sie dafür, dass Sie nicht lange einsam dahinvegetieren. Und wenn doch, verbergen Sie es tunlichst vor der Öffentlichkeit. Der Tod muss überraschen. Reinknallen. Wenn das Publikum den Tod des Künstlers erahnen kann, wird es nicht in ausreichendem Maße Ihre Produkte shoppen – und das gilt heute nicht mehr nur für Ihre CDs, sondern auch für Tassen, Schlüsselanhänger und Handysocken.

Ein ganzer Industriezweig hängt von Ihrem reibungslosen Abgang ab. Bitte bemühen Sie sich daher auch, die Gerüchteküche am Brodeln zu halten: Hier mal ein Affärchen, da mal ein Skandälchen – super! Wichtig nur, dass Sie dabei immer quicklebendig rüberkommen. Wenn die Fans Ihren tatsächlichen Zustand spitz kriegen und fragen: «Lebt er noch oder stirbt er schon?», sind Sie geschäftlich ruiniert.

Diese Maßnahmen sind daher entscheidend, schließlich sollen die Kinder nicht allein auf den geschätzten 400 Millionen Euro Schulden sitzen bleiben.

Künstlern in Deutschland hilft zusätzlich die neue, rechtswirksame Patientenverfügung: Hier sollte festgelegt sein, dass der Arzt mindestens vier Wochen vor dem möglichen Tod keine Journalisten mehr zu Ihnen lässt. Nicht, dass Sie als Künstler in geistiger Umnachtung noch Geschichten erzählen, die Boris Becker von einem sympathischen Statement abhalten könnten. Und ohne den wird das sowieso nichts mit dem Ruhm. Am Ende überträgt RTL nicht einmal Ihre Beerdigung. Und das wäre doch sehr schade.

Comedian Florian Schroeder schreibt regelmäßig in der FNP. Mehr über ihn unter http://www.florian-schroeder.de.

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