28.10.2009

witzig & wahr

Von Sebastian Schnoy

Das wirklich Beunruhigende an der neuen Regierung ist für mich, dass zwei Minister jünger sind als ich. Falls Sie – liebe Leser – selbst älter sind, finden Sie vielleicht noch mehr Minister, die nicht Ihr eigenes Alter und damit Ihr Format erreichen. Aber ist das nicht ein seltsames Gefühl, wenn Leuten, die, schon von ihrem Geburtsdatum her, nur grün hinter den Ohren sein können, plötzlich verantwortungsvolle Aufgaben anvertraut werden?

So Karl-Theodor zu Guttenberg (37) die Verteidigung des Landes und Philipp Rösler (36) die Gesundheit der Deutschen? Ohne mein Alter zu verraten, möchte ich darauf hinweisen und warnen: Beide sind deutlich unter 40! Vielleicht haben Sie sich ja schon daran gewöhnt, dass die Welt von Jungspunden und Lausbuben regiert wird. Ich bin immer wieder schockiert.

Zuerst fiel es mir im Fernsehen auf. Früher saß ich gebannt vor dem Gerät, aus dem mir gestandene Männer wie Karl-Heinz Köpke oder Damen von Welt wie Dagmar Berghoff eben diese Welt erklärten, die sie sicherlich gut kannten. Derweil krümelte ich das Sofa mit Keksen voll und musste alsbald ins Bett. Inzwischen scheint die Welt Kopf zu stehen, wenn ich als Mann in der Mitte des Lebens, durchaus gestanden und vielgereist, vor dem Fernseher sitze und mir ganz junge Frauen, ja ich möchte fast sagen Mädchen von der Lage am Hindukusch oder im UN-Sicherheitsrat berichten.

Ich kann sie einfach nicht ernst nehmen, bin mir vielmehr sicher, dass sie zwischen den Sendungen das Studio mit Keksen vollkrümeln und eine Runde Gummitwist spielen. Diese Backfische wollen mir etwas vom Nahen Osten, dem Gazastreifen erzählen, wo sie doch ihre eigenen Reisen bisher höchstens auf einen Ponyhof führten?

Schon meiner Generation traue ich nicht. Als sich mir bei einem Krankenhausaufenthalt der Oberarzt vorstellte und wir nach einem Geplauder darauf kamen, dass wir derselbe Jahrgang waren, schmolz mein Vertrauen dahin. Wir hätten in einer Klasse sein können. Er war einer von uns, die wir damals die Turnbeutel der anderen auf das Vordach der Halle geworfen, uns beim Umziehen gegenseitig die Hosen runtergezogen und in den Büschen selbst gedrehte Zigaretten geraucht hatten, bis uns der Schuldirektor an den Ohren ans Licht zog. Für ihn waren wir eine schlimme Rasselbande voller Rotzlöffel.

Und er hatte Recht. Und so ein Rotzlöffel sollte bei mir eine chirurgische Operation vornehmen? Auf keinen Fall! Ich bestand auf einen älteren Kollegen am besten mit grauen Haaren. Ergraute Schläfen waren für mich bis vor kurzem immer ein sicheres Zeichen für Lebenserfahrung und Weisheit. Doch was, wenn man selber ergraut und feststellt, dass das jeder Trottel schafft? Ja, dass selbst ein silberner Vollbart à la Hemingway ohne ein Funken Weisheit von selbst wächst, wenn man nur sein Rasierzeug verlegt.

Sicher, auch Jüngere machen einen guten Job. Wobei ich im Applaus für zum Beispiel den bisherigen Wirtschaftsminister zu Guttenberg auch stets eine Spur jener Begeisterung heraushöre, die Eltern empfinden, wenn ihr Nachwuchs laufen gelernt hat, ein erstes Theaterstück in der Schule aufführt oder nach vielen Stunden am Klavier etwas vorspielt. Es ist immer ein «Ach, wie eloquent er redet, dabei ist er fast noch ein Kind» dabei. Obschon auch gestandene ältere Kollegen viel lernen können, wenn mal einer geschliffen reden kann, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen wie Horst Seehofer, besser frisiert ist als Wolfgang Thierse und sportlicher als das meiste, was im Bundestag so rumsitzt.

Natürlich weiß ich, dass die Zeit bei diesem Phänomen gegen mich arbeitet. Künftige Kanzler und US-Präsidenten machen heute noch in die Windeln und wenn sie dereinst große Reden im Fernsehen schwingen werden, fällt mir garantiert das Hörgerät vor Empörung aus den Ohren. Früher oder später ist für jeden von uns die ganze Welt grün hinter den Ohren.

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