Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 27.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Die Empfindsamkeit des Dickhäuters auf Reisen
Vor fast 500 Jahren reiste ein indischer Elefant quer durch Europa. Anlass für eine bitter-ironische, warmherzig philosophische Parabel aus der Feder des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago.
Er war ein Spötter – bis zu seinem Tod am 18. Juni dieses Jahres. Und er war ein begnadeter Erzähler, der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger José Saramago («Die Stadt der Blinden»). Wie gut, dass sich der 87-Jährige vom deutschen Lesepublikum mit einem Roman verabschiedet hat: «Die Reise des Elefanten», bereits vor zwei Jahren in Portugal veröffentlicht, erschien nun – kurz nach dem Tod des scharfzüngigen Romanciers und Journalisten – auf Deutsch.
Die wundersame Reise des indischen Elefanten Salomon von Lissabon nach Wien beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1551. Also aus einer Zeit, die geprägt war vom sich allmählich in Europa ausbreitenden Protestantismus und der katholischen Gegenwehr, der Heiligen Inquisition. Saramago beschreibt diese Reise unterhaltsam philosophierend und teils blasphemisch in einer herrlichen, vor Anachronismen strotzenden Sprache.
Portugals König Johann III. will seinem Vetter Maximilian, dem Erzherzog von Österreich, als Hochzeitsgeschenk seinen in einem alten Gehege abgestellten Elefanten Salomon vermachen. Mit seinem indischen Betreuer, Mahut Subhro, wird er gen Wien geschickt.
Der Mahut, sicher in weltreligiösen Fragen und geschickt in seiner als Bescheidenheit getarnten geistigen Überlegenheit, dient als Mittler zwischen Menschen und Tier. Vor allem durch ihn kühlt der Spötter Saramago sein Mütchen am Klerus, an der Monarchie und ihrer militärisch begründeten Macht, am europäischen Hochadel, kurz: an der menschlichen Natur in all ihren Facetten. Wer mag, kann alles, was Salomon und Subhro widerfährt, allegorisch sehen, ins Heute übertragen, auf Politik, Kirchen, Philosophie oder Wirtschaft.
Ansatzpunkte dafür gibt es massenhaft, und Saramago selbst spielt dem Leser immer wieder die Bälle zu. Man kann aber auch die gesamte Geschichte so nehmen, wie sie ist: als spätes Werk eines grandiosen Fabulierers, der noch einmal ein Feuerwerk an freundlich-boshafter Intelligenz und menschlicher Warmherzigkeit abbrennt.
José Saramago: «Die Reise des Elefanten». Hoffmann & Campe, Hamburg. 240 S., 19,95 Euro


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