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Hessenpark: Schule wie zu Kaisers Zeiten

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Thorsten Halsey alias „Schulmeister Tannhäuser“. Foto: Robin Kunze
Thorsten Halsey alias „Schulmeister Tannhäuser“ © Robin Kunze

Beim pädagogischen Rollenspiel imFreilichtmuseum Hessenpark lernen Kinder viel über die vergangene Schulpraxis

Keine Frage: Wenn sich Torsten Halsey für seinen Einsatz im Hessenpark in Schale wirft, dann ist er der mit Abstand bestgekleidete Herr im Freilichtmuseum. Schwarzer Gehrock über schwarzer Weste mit Taschenuhr, passend zur gleichfarbigen Hose; dazu ein feinsäuberlich gerichteter Stehkragen samt minutiös gebundener Krawatte, abgerundet von den glänzend polierten Lederschuhen.

Der Stil, obwohl auf den ersten Blick zeitlos klassisch, wirkt bei näherer Betrachtung aus der Zeit gefallen. Und das hat einen guten Grund. Halsey schlüpft für „Schule zu Kaisers Zeiten“ nämlich in die Rolle eines Lehrers aus dem frühen 20. Jahrhundert.„Ich habe das Projekt einst von meinem Vorgänger übernommen und Stück für Stück zu einer Zeitreise weiterentwickelt“, berichtet Halsey. Mit auf diese Zeitreise nimmt er regelmäßig Schulklassen, die im Hessenpark zu Besuch sind.

Dabei kombiniert der Fachbereichsleiter der Museumspädagogik und des Museumstheaters gekonnt seine beiden Steckenpferde. Denn „Schule zu Kaisers Zeiten“ ist nicht nur ein lehrreicher Einblick in die damalige Epoche, sondern auch ein spannendes Rollenspiel mit authentischen Rahmenbedingung. Das beginnt bei der Kleidung des strengen Schulmeisters „Karl-Wilhelm Tannhäuser“ und setzt sich fort beim Veranstaltungsort, einem originalgetreu eingerichteten Klassenzimmer der Kaiserzeit unweit der Schmiede im Hessenpark.

Neben einer Wandtafel, einer Karte von Wetzlar und einem großen Abakus fallen im Raum vor allem die Schulbänke ins Auge. Schon vor dem ersten Platznehmen lässt sich erahnen, dass Sitzmöglichkeiten um 1900 eher unter praktikablen als orthopädischen Gesichtspunkten hergestellt wurden. Das verwundert aber nicht, schließlich waren gerade im ländlichen Raum nicht selten über 100 Schülerinnen und Schüler in einem Klassenzimmer untergebracht.

„Die Klassen eins bis vier bekamen den gleichen Unterricht, teilweise blieb man auch von der ersten bis zur achten Klasse zusammen“, berichtet Halsey. Wer glaubt, dass bei solchen Klassenstärken keine Zeit für individuelle Betreuung blieb, der irrt. Allerdings wirkt die Art der damaligen Pädagogik heutzutage arg befremdlich.So kontrollierte der Lehrer anno dazumal die Hygiene der Schüler, beispielsweise anhand der Fingernägel. Waren diese zu lang oder gar schmutzig, kam der Rohrstock zur körperlichen Züchtigung zum Einsatz. „Bei Mädchen galt zudem: ‚Nagellack dürft ihre gerne tragen, wenn ihr verheiratet seid, im Klassenzimmer wird er aber nicht geduldet‘“, verrät Halsey.

Generell glich der Schulalltag in Preußen einem „militärischen Drill“, erklärt Halsey. Sollen Schüler und Schülerinnen über den heutigen Unterricht zu mündigen Erwachsenen heranreifen, so war die Schulbildung für den preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688 bis 1740) ein Werkzeug, um Kinder zu guten Untertanen zu erziehen. „Der preußische Staat wollte gehorsame Bürger, die die Obrigkeit nicht hinterfragen würden“, erklärt Halsey. Die Obrigkeit bestand zu dieser Zeit aus dem Adel, dem Militär, der Kirche und den Beamten.

„Schulmeister Tannhäuser“ baut diesen „Drill“ mit in das Rollenspiel ein. Vor Unterrichtsbeginn müssen sich die Teilnehmer in Zweierreihen aufstellen. Angesprochen wird er nur mit „Herr Lehrer“, die Art zu sitzen, sich zu melden und zu antworten, wird penibel vorgegeben. Frei nach Heinrich Manns „Der Untertan“ lässt er die Kinder zudem vor Beginn des Unterrichts auf Kommando mehrmals aufstehen und sich wieder hinsetzen. „Ich versuche, den strengen Ton beizubehalten, aber meistens muss ich dabei grinsen“, gesteht Halsey.

Was das Strafmaß bei Vergehen angeht, ist er ebenfalls vergleichsweise milde gestimmt. Wer nicht „spurt“, muss vor versammelter Klasse das „Kaiser-Gedicht“ zu Ehren Wilhelms II. aufsagen. Und auch die Erwachsenen, meist ja echte Lehrerinnen und Lehrer oder Elternteile, bekommen beim Schwätzen einen Rüffel von Halsey – sehr zur Freude der Schüler und Schülerinnen.

Kinder lernen im Hessenpark über die Abläufe des Alltags aus früheren Epochen. Foto: Gerber
Kinder lernen im Hessenpark über die Abläufe des Alltags aus früheren Epochen. © Jens Gerber

Auch abseits der „Schule zu Kaisers Zeiten“ ist der Hessenpark im Sommer ein interessantes Ausflugsziel. Seit dem 17. Juli läuft das aktuelle Ferienprogramm mit spannenden Mitmach-Aktionen. Bei „Upcycling – Zu gut für die Tonne“ (8. bis 14. August) bekommt vermeintlicher Müll eine neue Bestimmung. Die „Faszination Metallbaukästen“ (13. bis 18. August) lädt zum Basteln und Werken ein. Die „Handwerk-Tage“ (15. bis 19. August) gewähren Einblicke in die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Erwachsenen und Kinder auf dem Land vor 200 Jahren. Bei „Spielen wie vor 100 Jahren“ (22. bis 27. August) können an unterschiedlichen Stationen Kinderspiele aus vergangenen Zeiten ausprobiert werden und das Angebot „Drei Backöfen – Drei Jahrhunderte“ (29. August bis 1. September) zeigt, wie man „unser täglich Brot“ selbst herstellen kann.

Darüber hinaus ist das Freilichtmuseum mit seinen 104 Baudenkmälern und begehbaren historischen Gebäuden, den täglich stattfindenden Vorführungen zu Kunsthandwerken und den Führungen immer einen Abstecher wert. Und speziell für die jüngeren Besucherinnen und Besucher hat der Hessenpark auch einige „tierische Stars“ zwischen den hübschen Scheunen und schönen Fachwerkshäuschen zu bieten. So lassen sich aktuell süße Ferkelchen beim Herumtollen beobachten.

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