Die Queen wird 90

Altmodisch und doch so kultig

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Ihr Leben ist vielen Deutschen vertrauter als das ihrer Nachbarn. Doch die Beliebtheit der britischen Queen Elizabeth II. ist nicht unbedingt ein Beleg für eine reale Sehnsucht nach der Monarchie.

Als die Queen vom Römer winkte, konnte ich nicht mal die Hand heben. Drei Tage vor dem Staatsbesuch hatte ich mir die rechte Hand gebrochen, konnte nicht über das Großereignis berichten und stand kurz vor der Operation. Aber deswegen nicht zum Römerplatz gehen und sie wenigstens aus der Ferne sehen? Undenkbar! Schließlich ist die britische Monarchin eine der wenigen Personen der Zeitgeschichte, die mich und fast alle Deutschen ein Leben lang begleitet hat.

Die Begleitung ist dabei natürlich eine rein mediale. Elizabeth II. ist Zeit ihres Lebens so oft fotografiert worden, dass sie auch dem deutschen Otto Normalleser fast so vertraut scheint wie ein Familienmitglied. Die kleine Elizabeth, die Krönung der jungen Frau, die langsam älter werdende Dame mit Kostüm, Hut und Handtasche – wer diese Bilder so oft sieht, könnte meinen, er sei dabei gewesen.

Auch die Familiengeschichten der Royals sind vielen Bundesbürgern geläufiger als die ihrer eigenen Nachbarn. Jeder erinnert sich an die Eheprobleme der Queen-Kinder, an die Konflikte der Monarchin mit ihrer Schwiegertochter Diana. Damals als die „Königin der Herzen“ der echten Königin den Rang abzulaufen drohte, schien die Monarchie zum ersten Mal auf der Kippe zu stehen. Die Institution wirkte verstaubt, knöchern, gefühlskalt, nicht offen für die Moderne.

Doch das hat sich geändert. Nach Umfragen kurz vor ihrem heutigen 90. Geburtstag ist Königin Elizabeth II. in Großbritannien so beliebt wie nie zuvor. Ihre Zustimmungswerte sind im vergangenen halben Jahr noch einmal um fünf Punkte auf 74 Prozent gestiegen. Und der Staatsbesuch 2015 in Deutschland hat gezeigt, wie beliebt die Queen auch hier ist.

Dazu beigetragen hat eine geschickte Arbeitsteilung innerhalb der königlichen Familie, die sich selbst „die Firma“ nennt: William und Kate sind das junge moderne Paar mit den süßen Kindern – erst gestern wurde ein Vier-Generationen-Bild veröffentlicht, auf dem Urenkel George der Königin fast die Show stiehlt. Charles darf als ewiger Thronfolger den Öko-Prinzen geben und mit Pflanzen sprechen.

Königin Elizabeth II. aber spielt die mit Abstand wichtigste Rolle: Seit mehr als sechs Jahrzehnten auf dem Thron, vermittelt sie den Eindruck des Bewährten, Verlässlichen – bietet einen Gegenpol zu den ständig wechselnden Protagonisten der Weltpolitik. Politiker kommen und gehen, die Queen bleibt. Manchmal lässt sie vorsichtig Meinungen erkennen, wie beim Staatsbesuch in Deutschland, als sie sich für Europa aussprach – und damit indirekt gegen den Brexit. Doch sie wagt sich nie zu weit vor, ist immer in erster Linie Repräsentantin.

Dabei ist sie stets diszipliniert, skandalfrei, freundlich, auf charmante Art altmodisch. Im Grunde bodenständig, scheint den Glamour weniger zu genießen als einen Spaziergang in Gummistiefeln zu ihren Pferden. Auch witzig soll die Königin sein, die von ihrem Mann Prinz Philip „sausage“ („Würstchen“) genannt wird. Doch das ganz Private hat sie gelernt zu verbergen. Hinter einem Schutzschild aus Lächeln, Winken und gutem Benehmen.

Letzteres bewundert sogar die Grünen-Politikerin Renate Künast. „Die Queen ist ein Vorbild an Umgangsformen“, sagte die Bundestagsabgeordnete. Und sie gab zu, dass sie eine Sammlung von Tassen mit Royal-Motiven besitzt. Schlummert in den Deutschen also, sogar in Grünen-Politikern, ein heimlicher Wunsch nach Monarchie?

Wenn ja, dann hält er der Vernunft nicht stand. Es ist wohl eher eine Sehnsucht nach einem Märchen als nach einer Regierungsform. Vor wenigen Tagen waren 72 Prozent in einer YouGov-Umfrage gegen eine deutsche Monarchie. Warum soll der deutsche Steuerzahler auch ein eigenes Königshaus finanzieren, wenn er das englische kostenlos miterleben kann? Eine Königin wie Elizabeth II., die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint und heute trotzdem eine Kultfigur ist, gibt es ohnehin kein zweites Mal.

Man muss also kein Monarchist sein, um der Queen heute zu gratulieren. Ich bin es auch nicht. Aber ich wünsche mir, dass diese unermüdliche kleine Dame uns noch sehr lange begleitet.

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