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Wie Arztserien Patienten verwirren

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?Kamera läuft?: Schauspieler aus der ARD-Serie ?In aller Freundschaft? drehen eine Operationsszene ? und mit ziemlicher Sicherheit kommt es zu Komplikationen.
?Kamera läuft?: Schauspieler aus der ARD-Serie ?In aller Freundschaft? drehen eine Operationsszene ? und mit ziemlicher Sicherheit kommt es zu Komplikationen. © Jan Woitas (dpa-Zentralbild)

Welche Arztserie schauen Sie gern privat? KAI WITZEL: Ich schaue gern Comedy-Arztserien aus den USA wie „Scrubs“, aber auch „Dr. House“.

Welche Arztserie schauen Sie gern privat?

KAI WITZEL: Ich schaue gern Comedy-Arztserien aus den USA wie „Scrubs“, aber auch „Dr. House“. Wenn man sich „Dr. House“ mit einem Lehrbuch in der Hand anguckt, kann man gut mitraten, um was es geht. Jedoch sind die dort gezeigten Fälle so kompliziert, dass es nur für Zuschauer mit Fachwissen durchschaubar ist.

Warum gerade US-Serien?

WITZEL: Die amerikanischen Serien sind interessanter. Aber auch deutsche Arztserien sind unterhaltsam. Allerdings stehen hier Themen wie Familie und Freundschaft im Vordergrund, während der medizinische Aspekt in den Hintergrund rückt.

Nehmen wir ein Beispiel: In der ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ sind viele Situationen realitätsfern. Da lässt die Hauptfigur, Dr. Martin Gruber, alles stehen und liegen, um einer Mutter beizustehen, deren Baby an einem Herzfehler leidet. Und er selbst operiert auch noch, obwohl man meinen sollte, dies sei eine Sache für Spezialisten. Wie abwegig ist das?

WITZEL: Ja, das ist wirklich abwegig. Es dient allein der Dramaturgie und damit der Unterhaltung. Solche Operationen sind Spezialisten vorbehalten, da Allgemeinärzte sich zwar in vielen Bereichen auskennen, jedoch in der Praxis selten mit komplizierten Operationen zu tun haben. Man will ja auch keine Zahnfüllung von einem Zahnarzt bekommen, der das nur einmal im Jahr macht. Alles, was man oft macht, macht man gut, so ist das auch bei Ärzten.

In den meisten TV-Serien sind unspektakuläre Fälle wie grippale Infekte oder Knochenbrüche eher selten Thematik. Woran liegt das?

WITZEL: Es geht um Einschaltquoten. Der Zuschauer begibt sich in die Rolle eines Voyeurs und betrachtet große Schicksalsschläge, während er selbst gemütlich im Sessel sitzt und froh ist, dass ihm selbst dieses Schicksal erspart bleibt. Da gibt es noch einen Unterschied: Die jungen Zuschauer wollen Blut spritzen und am besten ein reales, schlagendes Herz sehen. Ältere Zuschauer dagegen interessieren sich eher für fürsorgliche Ärzte, die alltägliche kleine Wehwehchen à la „Schwarzwaldklinik“ heilen.

Was ist der größte Unterschied zwischen den Ärzten im TV und der Realität?

WITZEL: Ärzte aus TV-Serien können im Prinzip alles. Kein Fachgebiet scheint ihnen fremd, keine Komplikation unlösbar. Aber trotz des umfangreichen Wissens kommt es oft zu Komplikationen. Aus einem scheinbar harmlosen Leistenbruch entwickelt sich eine starke Blutung. Folglich kommt es zu einem Konflikt zwischen den Ärzten, während der Patient kurz vor dem Tod steht. Doch plötzlich, wie durch ein Wunder, wird alles gut. So abstrus das alles klingt, so etwas wollen die Leute sehen.

Dramatik spielt eine große Rolle. Kaum eine Episode, in der nicht ein Menschenleben aufgrund einer seltsamen, plötzlich auftretenden Krankheit gefährdet ist. Wie oft erleben sie solche Fälle in Ihrer Praxis?

WITZEL: Da wir in unserer Praxis auf mehrere Bereiche spezialisiert sind, gibt es zwar viele außergewöhnliche Fälle, aber in der Regel nichts Spektakuläres. Wenn Sie einen Tag mit mir im OP-Saal verbringen würden, wären Sie wahrscheinlich gelangweilt. Meine Mitarbeiter und ich sind bei einer Operation ein eingespieltes Team. Wir fragen nicht, wie in TV-Serien, nach jeder einzelnen Klemme oder nach einem bestimmten Faden. Weil wir unsere Abläufe standardisiert haben, gibt es für uns nur wenig Überraschungen.

Bei einer Studie, für die Sie Patienten befragt haben, stellte sich heraus, dass einige Personen mehr Angst vor einer Operation haben, wenn sie davor eine Arztserie geschaut haben. Woran liegt das?

WITZEL: Das liegt daran, dass „langweilige“ Standard-Operationen, wie ich sie durchführe, nicht im Fernsehen gezeigt werden. Das wäre viel zu undramatisch. Ohne das ganze Blut und den Streit zwischen den Ärzten würde dem Zuschauer schnell langweilig werden. Das ist die Schwierigkeit. Deshalb wird im TV das große Drama gezeigt, welches die Unsicherheit der Patienten dann natürlich verstärkt. Im Fernsehen läuft bei fast jeder Operation etwas schief, und das prägt sich leider in den Köpfen der Menschen ein. Folglich ist die Angst vor einer kleinen OP plötzlich riesengroß.

Welche Problematik gibt es noch?

WITZEL: Der klassische Konsument von Arzt-Serien ist jemand, der medizinisch nicht vorgebildet ist. Er sieht in Ärzten immer noch Halbgötter in Weiß, die über den Gang schweben. Viele Patienten suchen eine gewisse Geborgenheit. Patientenverbände fordern ja oft, Mediziner und Patienten müssten Partner auf Augenhöhe sein. Aber viele Kranke möchten das gar nicht. Wenn ein Arzt zwei Alternativen bietet und sagt „Das müssen Sie jetzt wissen, ob sie operiert werden wollen oder nicht“, überfordert das viele Patienten. Sie sehnen sich nach einer Krankenhauswelt, in welcher der Doktor sie an der Hand nimmt und sagt: „Ich entscheide für dich.“

Aber bieten Arztserien auch Vorteile? Lernen Zuschauer zum Beispiel etwas über Erste Hilfe bei einem Herzstillstand?

WITZEL: Es geht, wie bereits erwähnt, in erster Linie um Einschaltquoten. Der Lern- und Aufklärungseffekt ist hierbei nur nebensächlich. Aber einige Patienten werden eventuell mutiger in Sachen medizinische Hilfeleistungen. Man kann also durchaus etwas lernen. Aber für einen Laien ist es schwer zu unterscheiden, was wirklich sinnvoll ist und was nicht. Es stellt sich nämlich heraus, dass Patienten nach einer gewissen Zeit nicht mehr zwischen der Fiktion im TV und der Realität unterscheiden können. Sie haben ein Halbwissen. Das ist nicht ganz ungefährlich.

Wäre es also sinnvoller für Zuschauer, solche Serien aus dem Fernsehprogramm zu entfernen und ihnen so die Illusion zu nehmen?

WITZEL: Das ist unrealistisch. Die Leute wollen Ärzte und Blut sehen, sie wollen ihre Helden haben. Folglich werden nur Serien mit den höchsten Einschaltquoten dauerhaft gezeigt. Beispielsweise sind fiese, unfreundliche Figuren wie „Dr. House“ überzeugende Sympathieträger für den Zuschauer. Würde man aber Arztserien wirklich aus dem Programm streichen, könnte ich mir vorstellen, dass Patienten weniger Angst vor medizinischen Eingriffen hätten.

Ist es denn schon einmal passiert, dass Patienten in Ihre Praxis kommen und bereits eine Selbstdiagnose liefern, die sie im Fernsehen aufgeschnappt haben?

WITZEL: Ja, das gibt es leider häufig. Dieses Phänomen war eigentlich der Auslöser für meine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich meine, es kann doch nicht sein, dass ich einem Patienten sein Krankheitsbild schildere, mir viel Mühe gebe und der Patient trotzdem einen Fernseharzt für mindestens genauso kompetent hält wie mich. Die Patienten fühlen sich fälschlicherweise über das Fernsehen bestens informiert.

Hat es Ihnen für Ihre Arbeit geholfen, dass Sie die Wirkung von TV-Ärzten auf Patienten untersucht haben? Können Sie so Ihre Patienten besser verstehen und sie besser beraten?

WITZEL: Ja, das ist so. Es betrifft ja zum einen die Angst eines Patienten vor einer OP und zum anderen seine Zufriedenheit im Allgemeinen. Wir haben ja auch in unseren Studien belegen können, dass es große Unterschiede in der Zufriedenheit der Patienten gab. Beispielsweise kann ein Krankenhausaufenthalt im Bezug auf die Behandlung zufriedenstellend gewesen sein – und trotzdem geht der Patient unzufrieden nach Hause. Wenn er am Ende das Gefühl hat, aus dem Krankenhaus abgeschoben zu werden, zieht er so seine Schlüsse.

Was sollte man tun?

WITZEL: Der Patient möchte nicht nur medizinische, sondern auch seelische Umsorgung. Er will mit dem Arzt ins Gespräch kommen und ernst genommen werden. So kann kurioserweise ein Patient mit Komplikationen aufgrund der intensiven Betreuung durch Fachpersonal zufriedener sein als ein Patient mit normalem Krankheitsverlauf. Es ist wichtig, nicht nur die Krankheit des Patienten zu behandeln, sondern sie ihm auch zu erklären. In dieser Hinsicht ist schon ein Umdenken im Gange. Ich als selbstständiger Arzt finde diesen Aspekt sehr wichtig und kann sagen, aus TV-Serien sehr wohl etwas gelernt zu haben. Denn ich möchte ja zufriedene Patienten.

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