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Eine Klangschale, eine Matte und ein Lächeln: Yogalehrerin Carla Vandoren sieht Entspannung als wichtigen Weg zum Glück.

Yogalehrerin Carla Vandoren

Glück ist Innehalten

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Immer viele Dinge gleichzeitg tun, mit den Gedanken schon ganz woanders sein. Das sind nach Meinung von Yogalehrerin Carla Vandoren aus Kelkheim einige Faktoren, die das Glück verhindern. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erläutert sie, wie sich Glücklichsein ihrer Ansicht nach lernen lässt.

Yoga ist zu einem großen Trend geworden. Steckt dahinter auch die Suche nach dem Glück?

VANDOREN: Ja, Yoga ist in seinem Ursprung ein philosophischer Weg, das Wort kommt von dem Sanskrit-Begriff „yuj“ für „anschirren“. Das bedeutet, dass die Gedanken zur Ruhe kommen sollen, damit man die Glückseligkeit – eigentlich den Zustand der Erleuchtung – erreicht. Es geht unter anderem auch darum, dass man das Leid verringert.

Und wie entsteht Leid?

VANDOREN: Der indische Philosoph Patanjali hat die Faktoren, die das Glück stören, genau beschrieben. Neben Unwissenheit, Hass und Gier spielt die Verwechslung eine große Rolle: Wir nehmen die Realität nicht unvoreingenommen wahr, sondern wir verwechseln sie mit unseren vorgefassten Meinungen, die wir aufgrund bereits gemachter Erfahrungen, durch Prägungen unserer Eltern, Lehrer, Freunde oder unserer Kultur angenommen haben. Dadurch entstehen Vorurteile und Ängste.

Wir sollen Bewertungen vermeiden, leben aber in einer Zeit, in der – etwa in sozialen Medien – alles bewertet wird. Ist das Glück dadurch heute besonders schwer zu erlangen?

VANDOREN: Wenn wir gleichzeitig viel Wissen haben, ist es nur natürlich, dass wir uns eine Meinung bilden und bewerten. Aber wir lassen uns oft zu sehr von den Meinungen anderer leiten und prägen. Es ist schon sehr schwierig, sich davon freizumachen. Im Yoga versuchen wir häufiger, die Rolle eines neutralen Beobachters einzunehmen, um dadurch klarer sehen zu können – auch die eigene Sichtweise.

Wenn man sich selbst von außen betrachtet, lässt sich das mit großen Emotionen wie Liebe vereinbaren?

VANDOREN: Ja. Auch Liebe und Mitgefühl sollen im Yoga bewusst gelebt werden. Wir sind in der westlichen Welt sehr kopforientiert und haben manchmal verlernt, unsere Gefühle überhaupt wahrzunehmen, sie zuzulassen.

Wie kommt das?

VANDOREN: Wir sind darauf trainiert, die Erwartungen zu erfüllen, die an uns gestellt werden. Wir sehnen uns nach Akzeptanz und sind dafür bereit, in eine Rolle zu schlüpfen. Dabei ignorieren wir schnell die eigenen Bedürfnisse.

Lässt sich das Glück lernen?

VANDOREN: Glück ist kein permanenter Zustand, sondern eine Sichtweise der Dinge. Die können wir kultivieren, indem wir Achtsamkeit, Bewusstsein und Aufmerksamkeit trainieren. Wir müssen unser Wesen erkennen und ihm treu bleiben. Wir sollten lernen, was uns glücklich macht und dann eigenverantwortlich handeln.

Warum fällt diese Form des Glücks, die Selbsterkenntnis voraussetzt, so schwer?

VANDOREN: Wir definieren Glück gern durch äußere Faktoren wie berufliche Erfolge, eine Partnerschaft, Besitz oder Anerkennung. Oder wir verwechseln es mit Spaßhaben und Zerstreuung.

Sind wir zu wenig dankbar für das, was wir haben?

VANDOREN: Ja. Wir haben den Fokus viel mehr auf den Dingen, die jemand anderes hat, als zu schätzen, was wir haben. Ich mache sogar im Kinderyoga schon Übungen, wo die Fünf- bis Sechsjährigen am Anfang erzählen sollten, welche schönen Erlebnisse sie in der vergangenen Woche hatten. Vielen fiel da gar nichts ein, sie hielten einen Kinobesuch oder Eisessen für selbstverständlich. Man muss ihre Aufmerksamkeit erst darauf lenken.

Gibt es also kein Glück ohne das Bewusstsein des Glücks?

VANDOREN: Ja, es ist wie beim Essen. Wenn man gutes Essen nur nebenbei isst, nimmt man es gar nicht wahr. Wir machen zu viele Dinge gleichzeitig und nehmen uns nicht die Zeit, uns mit voller Aufmerksamkeit einer Sache zu widmen.

Wären Sie auch für einen Glücksunterricht an Schulen?

VANDOREN: Ja, das wäre bestimmt förderlich. Das Bedürfnis nach einem ausgeglichenen Leben, der Selbstfindung, dem Glück ist schließlich heute sehr groß.

Ist es bei Frauen größer als bei Männern? In Yoga-Kursen sind ja die Frauen in der Mehrheit...

VANDOREN: Frauen sind oft damit beschäftigt, sich um das Wohl der anderen zu kümmern, fangen die Familie emotional auf. Sie verarbeiten das aber auch öfter und denken eher über ihre Gefühle nach. Viele Männer dagegen sehen das immer noch als Schwäche. Sie arbeiten im Yoga eher über die Körperübungen, die Asanas. Aber das ist nur ein Weg, sich besser kennen und akzeptieren zu lernen, um dann nicht nur körperlich, sondern vielleicht auch emotional flexibler zu werden.

Sie waren früher in der Teppich-Branche. Sind Sie in Ihrem neuen Job glücklicher?

VANDOREN: Was ich früher gemacht habe, hat mir sehr gefallen. Aber ich finde es erfüllend, mit Menschen zu arbeiten und zu sehen, dass Yoga ihnen guttut, körperlich und vielleicht auch emotional. Es ist immer toll, wenn sie und ich das Glücksgefühl aus der Stunde mit in den Alltag nehmen können.

Wenn Sie Glück in einem Satz definieren müssten, wie würde der lauten?

VANDOREN: Glück ist für mich, innezuhalten vom Lärm der Welt und achtsam gegenüber sich selbst und anderen zu sein.

In der nächsten Folge lesen Sie ein Interview mit Ansgar Schwind aus Limburg, der Glücksseminare gibt.

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