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Goldrausch in Polen

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Männer laufen im unterirdischen Tunnelkomplex »Riese« umher, den Deutsche während des Zweiten Weltkriegs unter dem Fürstenschloss von Ksias anlegten. Manche vermuten, dass der »Nazi-Zug« irgendwo dort versteckt ist.	FOTO: AFP
Männer laufen im unterirdischen Tunnelkomplex »Riese« umher, den Deutsche während des Zweiten Weltkriegs unter dem Fürstenschloss von Ksias anlegten. Manche vermuten, dass der »Nazi-Zug« irgendwo dort versteckt ist. FOTO: AFP © Janek Skarzynski (AFP)

Der angebliche Fund eines Zugs aus dem Zweiten Weltkrieg in Niederschlesien sorgt für Aufregung und Skepsis. Regierungsvertreter jedenfalls glauben: Irgendwas ist da unter der Erde. Und vielleicht hat ja jemand ein Geständnis auf dem Totenbett abgelegt.

Von EVA KRAFCZYK

Seit Tagen parken Wagen mit Kennzeichen von nah und fern entlang der Bahnstrecke zwischen Breslau (Wroclaw) und Walbrzych in Niederschlesien. Polizisten patrouillieren in dem Waldgebiet, um Schatzsucher an Grabungen zu hindern. Wenn gutes Zureden nicht hilft, drohen Bußgelder in Höhe von 500 Zloty (125 Euro) für „Waldzerstörung“ oder Überqueren der Bahngleise. Aus ungeklärter Ursache brach an der Bahnstrecke nun auch noch ein Waldbrand aus.

Auf Familienausflügen wird spekuliert, was sich unter der Erde verbirgt, vermutlich zwischen den Kilometerpunkten 60 und 65. „Die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas ist, ist groß“, sagte Polens Kulturministerin Malgorzata Omilanowska.

„Zu 99 Prozent sicher“

Ihr Stellvertreter Piotr Zuchowski, Leiter der Denkmalschutzbehörde, ist sich sogar „zu 99 Prozent sicher“, dass sich in einem der Tunnel des Bergbaugebietes ein deutscher Panzerzug aus dem Zweiten Weltkrieg befindet. In Ortslegenden ist sogar von zwei verschwundenen Zügen die Rede.

Nur – womit ist der Zug beladen? Darüber rätseln nicht nur die Polen seit bald zwei Wochen. Gold und Diamanten von ermordeten Juden etwa? Munition und Kriegsmaterial?

Robert Singer, Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, nimmt die Berichte über den „goldenen Zug“ so ernst, dass er darauf hinwies, dass die Wertsachen an die rechtmäßigen Erben zurückgegeben werden müssten, sollte es sich tatsächlich um „Nazigold“ handeln, das von ermordeten Juden stammt. In polnischen Medien verursachte der russische Jurist Michail Ioffe mit der Äußerung Aufregung, dass das Gold Russland übergeben werden müsse, sollte es aus der Sowjetunion gestohlen worden sein.

Ebenso mysteriös wie der Inhalt des Zuges: Wie kommt es, dass die angeblichen Finder erst jetzt auf den verborgenen Zug stießen? Zuchowski vermutet ein „Geständnis auf dem Totenbett“ – immerhin handelt es sich bei einem der Finder um einen Deutschen. Dessen Vater oder Großvater könnte also zu den Männern gehört haben, die einst den Zug versteckten, und schließlich das Geheimnis weitergegeben haben.

Unterdessen versuchen Touristikplaner in Walbrzych (Waldenburg), den niederschlesischen Goldrausch schon jetzt zu versilbern. Allein die Gerüchte über den Goldzug heizen das Interesse an der Stadt an, in deren Umgebung die Nationalsozialisten während des Krieges den unterirdischen Tunnelkomplex „Riese“ anlegten.

Das Fürstenschloss, unter dem sich laut Ortslegenden Tunnel verbergen sollen, rührt seit dem Wochenende die Werbetrommel für eine Sondertour zu den unterirdischen Tunneln der Stadt. Im Logo prangt ein funkelnder Zug.

Nur die Niederschlesische Historische Gesellschaft will beim Goldrausch nicht mitmachen. „Unsere Grabungserfahrung und die Archivmaterialien weisen eindeutig darauf hin, dass die Informationen über die Entdeckung des Panzerzuges nicht stimmen“, hieß es.

Skeptisch zeigte sich auch Tomasz Smolarz, der Leiter der Breslauer Bezirksregierung. Aus „einer Mitteilung von ein paar Seiten und einer unleserlichen Karte“ lasse sich nicht schließen, dass der Zug existiere, warnte er gestern. Der Bürgermeister von Walbrzych will dennoch das Militär herbeiholen, um das Gelände per Georadar untersuchen zu lassen.

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