Interview mit Rei Gesing

Mit 100 Jahren heiter und gelassen

  • schließen

Glauben Sie, dass am Lebensende klarer wird, worum es im Leben geht – vorausgesetzt, man ist geistig noch in der Lage, darüber nachzudenken?

Glauben Sie, dass am Lebensende klarer wird, worum es im Leben geht – vorausgesetzt, man ist geistig noch in der Lage, darüber nachzudenken?

GESING: Ja, auf jeden Fall. Nachdem ich 35 Senioren kennengelernt habe, die bis zu 112 Jahre alt waren, habe ich erfahren: Viele 100-Jährige sind wesentlich gelassener als etwa 60-Jährige und erfreuen sich an jedem Tag – obwohl sie natürlich wissen, dass der Tod jeden Moment kommen kann. Und das ist für sie auch in Ordnung, unabhängig davon, ob sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Die meisten finden: Ich habe ein gutes Leben gehabt.

Unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrer Rückschau auf das Leben?

GESING: Erstaunlicherweise nicht. Ich hatte damit gerechnet, weil für jüngere Männer Sterben eher ein Tabuthema ist. Aber in dem Alter der Interviewten spielt das keine Rolle mehr. Sie sprachen genau so offen über Leben und Tod wie die Frauen.

Sie betiteln die Interviews oft mit einer bestimmten Eigenschaft der Person. Haben Sie den Eindruck, dass im Alter der wahre Wesenskern deutlicher hervortritt?

GESING: Ja, absolut. Oft habe ich schon in den ersten Minuten einen Eindruck gehabt, was für einen Menschen ich vor mir habe – und das hat sich dann später bestätigt. Das ging viel schneller als etwa bei Leuten, die ich im beruflichen Kontext treffe. Das liegt natürlich daran, dass so alte Menschen niemandem mehr etwas beweisen müssen und nichts darzustellen brauchen, was sie nicht sind.

Welche Rolle spielen die Gene, die etliche der Interviewten anführen?

GESING: Für mein persönliches Fazit sind sie nicht entscheidend – es waren ja auch subjektive Empfindungen. Manche schieben ihr hohes Alter auf ihren betagten Großvater. Eine Frau meinte, es liege daran, dass sie immer Wasser auf rostige Nägel gekippt und das am nächsten Morgen getrunken habe. So habe sie stets einen guten Eisenhaushalt gehabt.

Erstaunlicherweise sagen viele, sie hätten keinen Stress gehabt. Dabei hat diese Generation viel durchgemacht. Gibt es eine Resilienz gegenüber Stress, oder wird das in der Rückschau relativiert?

GESING: Viele haben verstanden, mit Stress umzugehen und das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Viele Interviews ähneln sich in diesem Punkt. Tatsächlich waren manche sogar unter Trümmern begraben und haben schlimme Dinge erlebt – deswegen sind die heutigen Probleme für sie nur „pillepalle“, wie es eine formulierte.

Macht Altwerden gelassen, oder werden umgekehrt gelassene Menschen älter?

GESING: Mein Bauchgefühl sagt, dass gelassene Menschen älter werden. Ich habe fast nur solche kennengelernt, die zwar persönliche Dramen durchgemacht, aber diese mit Ruhe bewältigt haben. Sie haben die Einstellung, dass so etwas zum Leben dazu gehört. Die heitere Gelassenheit, mit der sie zurückblicken, war sehr inspirierend.

Glauben Sie, dass unsere Generation anders alt wird?

GESING: Ja. In Altersheimen habe ich oft gehört, dass ihnen vor der Generation der Unzufriedenen und Meckerer graust, die aus der Leistungsgesellschaft kommt. Die kommen mit hohen Ansprüchen, und dann ist die Diskrepanz zum Pflegenotstand besonders groß.

Viele Befragte erleben Einsamkeit nicht nur negativ. Hilft es, wenn man sich mit ihr arrangieren kann?

GESING: Auf jeden Fall muss man das. Es geht einem im Alter besser, wenn man auch dem Alleinsein und Beobachten etwas abgewinnen kann. Eine Befragte ist glücklich, wenn sie zwischen Frühstück und Mittagessen einfach im Sessel sitzt und sieht, was auf dem Altenheim-Flur passiert. Die nächste Generation hat da vielleicht andere Ansprüche und will in diesem Zeitraum zwischen Singen und Literaturkreis noch einen Yogakurs belegen.

Was hat Sie in allen Interviews am meisten beeindruckt?

GESING: Edelgard Huber von Gersdorff, die kürzlich mit 112 Jahren gestorben ist, hat mir von ihren schrecklichen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg erzählt. Ihr war damals intuitiv klar, dass dieser Hass sich noch über Generationen hinziehen und bald der nächste Krieg kommen wird. Sie sagte, ihr graust davor, was passiert, wenn die Leute mit den Erinnerungen an die Schrecken des Krieges nicht mehr leben. Mich hat das sehr beeindruckt. Die Generation der 100-Jährigen ist zwar zum Nationalismus erzogen worden. Aber eine Frau hat mir geschildert, dass sie nach ihren eigenen Kriegserlebnissen gar nicht anders kann, als Mitleid mit den Flüchtlingen aus Syrien zu haben.

Nach allem, was Sie erfahren haben, wie alt möchten Sie selbst werden?

GESING: Gern 125 Jahre, wenn ich nicht an schweren Erkrankungen wie Demenz leide.

Sie haben also keine Angst vor dem hohen Alter?

GESING: Überhaupt nicht. Auch wenn ich im Rollstuhl sitze und die Augen nicht mehr funktionieren, hoffe ich, dass ich es schaffe, mein Leben trotzdem zu genießen und meine Umgebung gelassen wahrzunehmen. Durch meine Interviews weiß ich jetzt, dass das möglich ist.

Das Buch

Rei Gesing: Ihre Weisheit, unser Glück – Die Quintessenzen der Methusalems. Rogreth Verlag, Münster 2018, 156 Seiten, 29,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare