Zugunglück Bad Aibling

Wie lebt man mit so einem Fehler?

Der Fahrdienstleiter von Bad Aibling hat einen großen, einen tödlichen Fehler begangen. Wie kann er mit dieser Schuld leben? Ein Interview mit Notfallpsychologin Tanja Denninger.

Von Stefan Röttele

Kann ein Mensch mit einer solchen Schuld jemals wieder froh werden?

DENNINGER: Froh sein oder Freude erleben sind Begriffe, die sich auf einzelne Situationen beziehen. Auch wenn das für den Fahrdienstleiter und sein Umfeld wahrscheinlich gerade schwer vorstellbar ist, wird es in seinem Leben auch wieder frohe Momente geben können. Wichtig ist dann, diese Momente auch zulassen zu können, denn häufig führen sie zu Selbstvorwürfen, da Betroffene das Gefühl haben, ihnen stehen solche Empfindungen nicht mehr zu. Auch die Reaktion des Umfelds ist hier wichtig.

Können Sie uns eine ungefähre Ahnung vermitteln, was in ihm jetzt vorgeht?

DENNINGER Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf extreme Erlebnisse. Daher kann man natürlich nicht wissen, wie es dem Fahrdienstleiter jetzt geht. Jedoch sind bei den meisten Menschen, die ein solches Ereignis durch ihr Handeln verursacht haben Symptome einer akuten psychischen Belastung zu erwarten. Selbstvorwürfe, Schlafstörungen, Albträume, innere Unruhe und Anspannung, Ängste und Niedergeschlagenheit sind hier häufig. Gedanken wie „Warum habe ich nicht..?“ und „Hätte ich doch...“ lassen die Menschen nicht los. Fragen, auf die sie keine Antwort finden können. In der ersten Zeit zeigt sich häufig das innere Gefühl, dass alles gar nicht real ist, dass es gar nicht passiert sein kann. Ein Versuch der Psyche, sich vor dem Begreifen zu schützen.

Wie sieht die Arbeit eines Notfallpsychologen in einem solchen Fall aus?

DENNINGER Notfallpsychologen sind für die Unterstützung in den ersten Wochen zuständig. Wir arbeiten mit den Klienten, indem wir ihnen Methoden zur Stabilisierung beibringen, mit ihnen ihre Ressourcen erarbeiten und versuchen, ihnen die psychischen Prozesse begreifbar zu machen. In der ersten Zeit sind es die kleinen Dinge, die das Gefühl des Kontrollverlusts über das eigene Leben reduzieren sollen. Weiterhin wird der Verlauf der Verarbeitung diagnostisch beobachtet, um rechtzeitig weiterführende psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe einleiten zu können. Unsere Arbeit erstreckt sich oft auch auf die nahestehenden Menschen.

Die Ermittler sagten, sie hätten den Mann an einen sicheren Ort gebracht, um ihn zu schützen. Wovor genau?

DENNINGER: Zum einen ist es sehr wichtig, dass er nicht ungefiltert mit den Medienberichten konfrontiert wird. Auch ein solches Interview ist trotz des verständlichen öffentlichen Interesses für ihn und seine Familie nicht leicht auszuhalten. Zum anderen ist es wichtig, einen schwer belasteten Menschen zu beobachten, um ihn vor sich selbst zu schützen.

Was bedeutet eine solche Schicksalswendung für seine Familie, das persönliche Umfeld, die Kollegen?

DENNINGER: Die Familie und alle nahestehenden Menschen sind stark betroffen. Für sie alle hat sich das Leben schlagartig geändert. Obwohl keine eigene Beteiligung besteht, ist bei ihnen – abhängig von der jeweiligen persönlichen Nähe – mit ganz ähnlichen Symptomen zu rechnen. Auch sie müssen notfallpsychologisch unterstützt werden. Sie brauchen viel Kraft und innere Stabilität, um einem Menschen in einer solch schwierigen Krise zu unterstützen und beizustehen.

Gibt es für ihn eine Rückkehr zu Alltag und Normalität?

DENNINGER: Da die Verarbeitung so individuell abläuft, kann man darüber nicht allgemein Auskunft geben. Der Fehler, der zu einem so tragischen Unglück geführt hat, wird den Fahrdienstleiter sicherlich in seinem Leben prägen und begleiten. Der Umgang mit Schuld ist schwierig. Das Risiko, nicht mit dem Fehler leben zu können, besteht. Trotzdem muss das Ziel der therapeutischen Arbeit sein, auch ein solches Ereignis in die eigene Biographie zu integrieren und damit zu leben.

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