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Nur eine von vielen Aufgaben, die ein Trauzeuge heute hat: Er übergibt auf einem Kissen die Trauringe an das Brautpaar.

Hochzeits-Experte im Interview

Trauzeugen: Warum Ringe tragen nicht mehr genügt

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"Willst Du mein Trauzeuge sein?" Wenn diese Frage gestellt wird, fühlen sich viele geschmeichelt. Aber dann gehen die Probleme oft erst los, weiß Buchautor Thomas Sünder, der auf vielen Hochzeiten arbeitete. Im Gespräch mit FNP-Redakteurin Pia Rolfs erklärt er, wie sich Missverständnisse und Pannen vermeiden lassen.

Was hat Sie bewogen, einen Ratgeber für Trauzeugen zu schreiben ?

SÜNDER: In den letzten zwölf Jahren, in denen ich als DJ auf Hochzeiten im Einsatz war, habe ich mit genau so viel Trauzeugen wie Brautpaaren zu tun gehabt. Und meistens sollen die Trauzeugen auch Zeremonienmeister sein. Sie wissen gar nicht, was sie da eigentlich machen sollen – und diese Fragen möchte ich beantworten.

Früher hat es als Trauzeuge ja oft nur gereicht, einfach dabei zu sein. Hat sich die Rolle geändert?

SÜNDER: Ja, der Trauzeuge ist heute wichtiger bei der Organisation. Es gibt zwar Fälle, wo die besten Freunde nur bei der Trauung unterschreiben und jemand anderes die Rolle des Zeremonienmeisters übernimmt. Aber oft fallen beide Aufgaben heute zusammen.

Die Trauzeugen sollten also abklären, was von ihnen erwartet wird?

SÜNDER: Genau! Daran hapert es häufig, und hinterher sind beide Seiten enttäuscht. Wenn ein Trauzeuge in einer weit entfernten Stadt wohnt oder gerade anderweitig sehr eingespannt ist, etwa eine Doktorarbeit schreibt oder ein Kind bekommen hat, sollte er die Grenzen seiner Mitarbeit aufzeigen.

Sie zählen viele Fettnäpfchen auf, in die Trauzeugen tappen können. Welche sind die größten?

SÜNDER: Dass sie nicht wirklich zuhören, was die Brautleute wollen. Dann sollen die etwa mit einer Nagelschere ein Herz aus einem Bettlaken herausschneiden, obwohl sie definitiv keine Spiele möchten. Auch eine ungewollte Braut-Entführung kann eine Hochzeit zerstören. Aber es ist natürlich ebenfalls total falsch, wenn sich der Trauzeuge ganz passiv verhält und den Ablauf gar nicht im Auge hat.

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis, das Sie als DJ auf einer Hochzeit bisher hatten?

SÜNDER: Einmal sagte ein Brautvater nachts um halb eins zu mir: „Machen Sie die gottverdammte Musik aus, oder Sie werden es bereuen.“ Grund war, dass ein drogensüchtiger Verwandter auf der Tanzfläche war. Ich habe seinen Wunsch befolgt – und dann war die Feier abrupt vorbei.

Und was war das schönste Erlebnis?

SÜNDER: Als eine Trauzeugin das Brautpaar mit einem Tanz-Flashmob überrascht hat, bei dem alle Gäste mitgemacht haben. Die hatten das vorher nur einmal

geübt, während das Brautpaar Fotos machte. Das zeigt, dass man mit wenig Aufwand einen großen Effekt erzielen kann.

Ihr Buch zeigt, wie groß die Erwartungen an Hochzeiten sind. Haben sich die in den letzten Jahren noch gesteigert?

SÜNDER: Absolut. Die Ansprüche sind unglaublich hoch geworden – bis hin zum Dekorationskonzept, das zu den Einladungen passen muss. Meiner Meinung nach wird sehr viel Wert auf Irrelevantes gelegt.

Widersprechen diese bombastischen Hochzeiten nicht der Entwicklung, dass sich viele Paare wieder scheiden lassen?

SÜNDER: Vielleicht wollen die Paare dadurch ja signalisieren: Bei uns ist alles anders, wir bleiben für immer zusammen. Aber die immer größeren Feiern haben für mich manchmal einen schalen Beigeschmack, weil das oft viel mit Selbstdarstellung zu tun hat.

Da werden schon bei der Planung die Bilder von möglichen Brautkleidern auf Facebook gepostet und Hochzeiten aus Fernsehsendungen imitiert. Dabei geht es doch eigentlich um das Paar selbst. Ich unterhielt mich kürzlich mit einer Berliner Konditorin, die berichtete, dass es Brautpaaren nur noch ums Aussehen der Hochzeitstorte geht, überhaupt nicht um den Geschmack. Und über dieses Aussehen brechen die Paare dann auch noch regelmäßig in Streit aus.

Wird der Gedanke an die ewige Bindung durch das Event Hochzeit vielleicht sogar überlagert?

SÜNDER: Ja, das kann so sein. Aber ich würde die großen Feiern nicht komplett als Show abtun. Man schafft ja auch ein einmaliges Erlebnis mit seinen Freunden und der Familie. Das kann ein

Herzensfest werden. Aber man sollte sich auf das Wesentliche besinnen und nicht eine Barbie-Puppe in einem Brautkleid präsentieren.

Einerseits soll jede Hochzeit auf das Paar zugeschnitten sein, andererseits empfehlen Sie eine Art standardisierten Ablauf. Ist das kein Widerspruch?

SÜNDER: Nein. Was den zeitlichen Ablauf angeht, gibt es einfach Dinge, die erfahrungsgemäß

funktionieren. Aber inhaltlich sollten die Brautleute nur das tun, womit sie sich wohlfühlen.

Sie sind verheiratet. Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Trauzeugen?

SÜNDER: Ja, mein Trauzeuge ist mein bester Freund. Wir hatten keine große Feier, weil ich das so sehr mit meinem Beruf verbinde, dass ich dann gar nicht hätte abschalten können. Deswegen hatten wir nur eine standesamtliche Trauung und sind danach essen gegangen. Das war das, was für uns gepasst hat.

Thomas Sünder: Wer hat eigentlich die Ringe? Tipps vom Profi für alle Trauzeugen. Blanvalet, München 2017, 9,99 Euro

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