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Die Journalistin und Buchautorin Victoria Schwartz möchte über das Thema ?Realfakes? aufklären und Betroffenen helfen.

Erfundene Identität

Verliebt in ein Phantom

Dass bei der Partnersuche im Internet gelogen wird, überrascht kaum. Doch manche derjenigen, die sich angeblich dort tummeln, existieren überhaupt nicht. Es handelt sich um gefälschte Identitäten von Personen, die andere manipulieren wollen. Über diese „Realfakes“ hat die Journalistin Victoria Schwartz ein Buch geschrieben („Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde“). Denn sie hat mit dem Thema selbst ihre Erfahrungen gemacht. Darüber sprach sie mit unserer Redakteurin Pia Rolfs.

Wie leicht ist es, sich in jemanden im Internet zu verlieben?

SCHWARTZ: Es kommt darauf an, wie man tickt. Manche Menschen müssen einen anderen sehen, damit es funkt. Es gibt aber auch welche, denen der Austausch wichtiger ist. Dafür eignet sich das Internet hervorragend, weil man schnell ernste Gespräche führt, statt erst einmal Small Talk zu machen.

Fehlt da nicht eine Ebene?

SCHWARTZ: Um zu fühlen, ob man jemanden küssen möchte, muss man ihm schon gegenüber stehen. Aber eine emotionale Bindung baut man auch über Gespräche auf.

Wie war der Mann, in den Sie sich verliebt haben?

SCHWARTZ: Sehr interessant. Wir haben Gespräche über Politik, Philosophie geführt und waren absolut auf einer Wellenlänge. Und jeder sucht ja jemanden, der ihn von Grund auf versteht.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass etwas mit Kai nicht stimmt?

SCHWARTZ: Die ersten vier Monate waren sehr schön. Da Kai noch in den USA war, wollten wir uns danach treffen, diese Zeitspanne war absehbar. Als er dann mehrere Treffen absagte, dachte ich, er sei ein Mann mit Angst vor Nähe. Schließlich aber merkte ich Unstimmigkeiten auf den Bildern, dass etwa auf einem angeblichen Foto aus Deutschland amerikanische Steckdosen zu sehen waren. Wie ich nach und nach herausfand, handelte es sich bei Kai um eine deutschstämmige Psychologin, die in den USA lebt und sich als Mann ausgab.

Wie geschickt war das Lügengebäude aufgebaut?

SCHWARTZ: Kai hatte einen kompletten Freundes- und Familienkreis bei Facebook. Die Person dahinter hat allein auf Facebook 24 mit einander befreundete Profile betrieben, die sich gegenseitig Kommentare schrieben. Jeder Tagesablauf war mit Fotos oder Videos belegt, das Lügengebäude war wahnsinnig komplex. Außerdem schickte mir Kai für mehrere Tausend Dollar Geschenke, dadurch habe ich natürlich gedacht: Warum sollte das jemand tun, der nicht echt ist?

Woher kamen die Bilder?

SCHWARTZ: Die waren aus dem Internet geklaut.

Was haben Sie unternommen, als Sie hinter den Betrug kamen?

SCHWARTZ: Ich habe die Person damit konfrontiert. Sie nahm dann eine weitere Identität als „Daniel“ an, war dabei jedoch nicht mehr so sorgfältig. Ich habe „Daniel“ weiterhin die große Liebe vorgespielt, aber währenddessen Informationen gesammelt und recherchiert, bis ich auf den Wohnort der Täterin in den USA gekommen bin.

Welche Motive hatte sie ?

SCHWARTZ: Sie behauptet, dass sie sich als Mann im falschen Körper fühlt, ihre Neigung aber in den US-Südstaaten nicht ausleben kann. Diese Begründung hat mich nicht überzeugt, denn ich fand heraus, dass sie bereits seit 13 Jahren Fake-Accounts hatte und damit viel Zeit verbrachte. Da muss sie schon ein tiefgehendes psychologisches Problem haben.

Haben Sie diesen Schock verarbeitet?

SCHWARTZ: Ja. Erst war es emotional schwierig, als „Kai“ die Treffen immer absagte. Aber ich war fast erleichtert, als ich herausfand, warum. In der Recherche-Phase habe ich die Angelegenheit mit journalistischem Interesse verfolgt. Wenn ein Opfer jedoch labil oder depressiv ist, kann es so einen Betrug natürlich nur schwer verarbeiten.

Welche Gefühle haben Sie heute der Täterin gegenüber?

SCHWARTZ: Eine Mischung aus Mitleid und Unverständnis darüber, dass eine Frau in ihrer Position mit ihrem psychologischen Wissen so handelt. Sie müsste erkennen, was sie damit anrichten kann.

Sie haben seitdem viele Mails von anderen Betroffenen erhalten. Wie häufig ist das Phänomen, das Sie „Realfakes“ nennen, Ihrer Meinung nach?

SCHWARTZ: Ich bekomme seit Ende 2012 alle zwei bis drei Tage Mails von einem neuen Betroffenen – und das sind bisher nur die Leute, die durch Googeln auf mich aufmerksam wurden. 70 Prozent der Opfer sind demnach Frauen, wahrscheinlich weil Männer noch mehr Hemmungen haben, über solche Erlebnisse zu berichten.

Warum sind die Täterinnen überwiegend Frauen?

SCHWARTZ: Das muss noch wissenschaftlich erforscht werden. Laut Studien neigen Frauen aber generell eher dazu, sich in Traumwelten zu flüchten. Zudem würden sich die meisten Männer vermutlich nicht über einen so langen Zeitraum Mühe geben, eine falsche Identität aufzubauen, wenn sie davon keinen greifbaren Vorteil haben. Alle männlichen Täter, mit denen ich bisher zu tun hatte, die sich z.B. auf lesbischen Foren als Frauen ausgaben, waren immer sexuell motiviert und wollten Nacktfotos bekommen.

Im Zusammenhang mit dem Skandal um die Seitensprung-Börse Ashley Madison wurde bekannt, dass in Dating-Portalen viele Profile von Frauen gefälscht waren. Wie viele Formen von Betrug und falschen Identitäten gibt es im Internet?

SCHWARTZ: Sehr viele. Die Bandbreite reicht von Scammern, die finanzielle Interessen haben, bis hin zu Click-Farmen, die „Likes“ für Prominente oder Firmen erzeugen. Es gibt politisch motivierte Fakes, die Meinungen im Netz verbreiten. Das Thema wird weiter an Bedeutung gewinnen, weil Meinungsmache immer mehr über das Internet funktioniert. Und bei Partnerschaftsbörsen tauchen auch dort falsche Profile auf, wo hohe Mitgliedsbeiträge bezahlt werden.

Auf welche Warnsignale sollten Menschen achten, die trotzdem im Internet Kontakte knüpfen wollen?

SCHWARTZ: Wenn Treffen abgesagt werden und es keine Telefonnummern gibt, die man jederzeit anrufen kann, ist das ein Alarmsignal. Man sollte die Google-Rückwärts-Bildersuche verwenden, um zu sehen, ob das gezeigte Foto in Wirklichkeit einer anderen Person gehört – das geht aber nicht bei Instagram-Bildern. Und sobald Gefühle aufkommen, muss man sich so schnell wie möglich im realen Leben treffen.

Victoria Schwartz: Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde. Das Phänomen Realfakes. Blanvalet Verlag München 2015, 320 Seiten, 12,99 Euro.

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