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Elena Pankratova als Kundry und Andreas Schager in der Titelpartie geben im Bayreuther ?Parsifal? den Ton an.

Festspiele

Auch die Liebe bringt nicht wirklich Erlösung

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Laufenbergs Interpretation des Bühnenweihfestspiels kommt diesmal beim Publikum nicht mehr so gut an wie bei der Premiere. Der Regisseur muss sogar einige Buhs einstecken.

Das hat es früher nicht gegeben. Da kleideten sich Wagner-Fans auf Vorrat festlich und stellten sich, mit dem Papptäfelchen „Karten gesucht“, vors Kartenbüro im Festspielhaus. Bayreuth war ausverkauft, überbucht, seit langem, selbstverständlich, zumal beim „Parsifal“, dem Kultstück am Grünen Hügel. Auch wenn etwa die Inszenierung Wolfgang Wagners von Jahr zu Jahr dunkler, langsamer, langweiliger wurde, geleitet von verschiedenen Pultstars, von James Levine bis Christian Thielemann.

2004 kam Schlingensief und 2009 Stefan Herheim, mutige Querdenker mit musikalischem Format, denen die Festspielleitung viel zu früh den Hahn zudrehte. Und heute? Stehen noch 20 Minuten vor Aufführungsbeginn Menschen in Freizeitkleidung mit Papptäfelchen vor der Kasse: „Karten zu verkaufen“. Beim erst dritten Aufguss des „Parsifal“ in Uwe Eric Laufenbergs Lesart bleiben Plätze frei. Ein Tiefpunkt. Ein Desaster. Wie kann das sein?

Dieser „Parsifal“ war von Anfang an, seit 2016, ein Notnagel und stellte der Festspielleitung, die verdächtig oft und nicht nur hier mit Absagen umgehen muss, ein ungenügendes Zeugnis aus. Erst wurde der umstrittene Filmregisseur Jonathan Meese, opernunerfahren und in schmuddelige Nazi-Fahrwasser geraten, durch den Wiesbadener Intendanten Laufenberg ersetzt, weil dieser gerade eine in Köln nicht realisierbare „Parsifal“-Idee in der Schublade hatte.

Der Dirigent Andris Nelsons, mittlerweile im Leipziger Gewandhaus tätig, warf das Handtuch, man fand in Hartmut Haenchen den perfekten Ersatz (wann wird man diesem lange unterschätzten Künstler mal eine faire Chance geben?). Er wurde nun aber leider und warum auch immer durch Semyon Bychkov ersetzt, der Zeit braucht, bis sich das Tempo im Orchester einrenkt, und der im zweiten Aufzug die Kontrolle über die Lautstärke verliert. Gewiss: Mit Elena Pankratova (Kundry) und Andreas Schager (Parsifal) stehen ihm Protagonisten zur Verfügung, die mit wuchtigen und gleißenden Stimmen jedes forte mühelos mitgehen – aber solche zwischentonarmen Exzesse müssen wirklich nicht sein.

Noch weniger zündet jedoch der „religionskritische“ Ansatz der Regie, die mit wohlfeilen Anspielungen den Inhalt des Bühnenweihfestspiels, wie Wagner es nannte, aus dem Auge verliert. Eigentlich geht es, problematisch genug, um Erlösung. Erlösung aus den Zwängen der Liebe, durch Hinwendung zu einer anderen, humanen Liebe und die Ankunft eines Erlösers, den „reinen Toren“.

Wagner bleibt da sehr offen, kirchliche Rituale spielen eine ebenso wichtige Rolle wie ihre Überwindung. Laufenberg und sein Bühnenbildner Gisbert Jäkel setzen auf inter-, trans- und suprareligiöse Bilder, auf Dauer wie zum Selbstzweck einer funktionierenden Bühnenmaschinerie.

Der Kern des Unheils liegt leider bei Wagner selbst, der die Welthemisphären in eine christliche und eine arabische Hälfte einteilt. Die erste als Ort strenger männlicher, kulturprotestantischer Rituale, die zweite als weiblich bestimmter Ort verlockender Lüste, Märchen wie aus 1001 Nacht. Nicht jedoch Bürgerkrieg, Islamismus und verschleierte Frauen, wie es hier gezeigt wird. Schwerbewaffnete Soldaten (Kostüme: Jessica Karge) patrouillieren durch die beschädigte Kirche von Mossul, ikonografische Flüchtlingsszenarien werden gezeigt, das tote Kind am Strand (anstelle des von Parsifal erlegten Schwans), Szenen aus der Kölner Silvesternacht, bis zum Schluss Vertreter der Weltreligionen, in utopischem Frieden geeint, ihre Kultgegenstände im Sarg Titurels (Tobias Kehrer) niederlegen. Erlösung als Multikulti. Vermutlich wissen die männlichen Kartenanbieter vor der Tür nicht, dass ihnen in diesem „Parsifal“ auch viele Gelegenheiten geboten werden, das Opernglas scharf zu stellen.

Im zweiten Aufzug tauschen die Blumenmädchen den Schador flugs gegen den Bikini ein, um Parsifal im islamdekorgekachelten Bad handfest zu umgarnen. Im dritten Aufzug gönnen „der erlöste Mensch, die sündige Natur“, so heißt es in Gurnemanz’ (unermüdlich präsent: Günther Groissböck) Fazit, in Gestalt entkleideter Mädchen und Jungen sich und dem Publikum eine ausgiebige Dusche in „des Sünders Reuetränen“. Ein gewagter Kontrast nach der Szene im Altersheim, wo eine gealterte und zittrige Kundry die Bühne zu entrümpeln und den Kühlschrank zu befüllen versucht und dabei sogar einen toten Hasen zu entsorgen scheint, das Leitbild des Schlingensiefschen „Parsifal“.

Einen bedenkenswerten Aspekt in Laufenbergs Bilderflut bietet die Rolle des Amfortas (Thomas J. Meyer), jenes Königs, der die Gralsritter anführt, es aber einst mit der Keuschheit nicht so ernst nahm. Die Ritter akzeptieren es nicht, an sein Dahinsiechen gebunden zu sein. Sie fordern, zum Schluss sehr aggressiv (einmal mehr wirkungsvoll: die von Eberhard einstudierten Chöre), Kraft aus dem Gral schöpfen zu dürfen. So inszeniert sich Amfortas selbst als Erlöser, spielt die Kreuzigung Christi nach, lässt sich noch einmal selbst die Wunde beibringen, ein blutiges Ritual, das den zuschauenden Parsifal würgt.

Überraschend tritt Amfortas auch im zweiten Akt auf, ein stummer Zeuge und Mahner, der noch einmal, es kann ja nichts mehr passieren, Kundrys Hingabe genießt, während Klingsor (markant: Derek Welton) für jeden gefallenen Gralsritter ein Kruzifix aufhängt. Trost und Rettung allein bringt die heilige Lanze. Parsifal zerbricht sie in zwei Stücke und bindet sie zum Kreuz zusammen. Der Kreuzzug kann beginnen.

Wer dafür noch eine Karte anbietet, wird sie jedoch nicht los. Noch nicht einmal in Söderland. Drinnen Ovationen für die Musik, Kritik am Regieteam. Sehr bedenklich!

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