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In Köln arbeiten Ford-Mitarbeiter am Fließband in der Endkontrolle an einem Fiesta

US-Autoriese

Autobauer Ford muss sparen und könnte sich deswegen aus Europa zurückziehen

Großbaustelle Ford: Der US-Autoriese steht vor einer tiefgreifenden Neuaufstellung und will die Kosten drastisch senken. Europa könnte der Sparhammer mit Wucht treffen, hier läuft es besonders schlecht.

Das Europageschäft des zweitgrößten US-Autobauers Ford kriselt bedenklich. Der Branchenriese will die Kosten kräftig senken und tüftelt an einem großen Konzernumbau. In der Europa-Zentrale in Köln muss man sich wohl auf harte Einschnitte gefasst machen, denn es ist kein Geheimnis: Neben China gilt der Kontinent in den Augen der Spitzenmanager am Hauptsitz in Dearborn, nahe der US-Autohochburg Detroit, derzeit als die größte Baustelle.

„Ford muss ein strukturelles Problem in Europa lösen, und da ist alles denkbar und möglich“, warnt Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Der Branchenexperte kann sich sogar vorstellen, dass Ford die Reißleine zieht, ganz so, wie es bereits der große US-Rivale General Motors mit dem Verkauf der deutschen Tochter Opel vorgemacht hat: „Ich würde nicht ausschließen, dass in Dearborn auch Szenarien über einen möglichen Ausstieg aus Europa diskutiert werden.“

Beim Mutterkonzern in Amerika zeigt man sich alarmiert. „Wir sind extrem unzufrieden mit unserer Leistung in Europa und China“, sagte Vorstandschef Jim Hackett nach Vorlage der Zahlen für das zweite Quartal. Gegenüber Finanzanalysten räumte er in einer Konferenzschalte ein: „Mit derartigen Resultaten hatten wir nicht geplant.“

Hackett hat den Spitzenposten erst 2017 übernommen, steht aber bereits unter Druck. Der 63-Jährige war als Hoffnungsträger mit Blick auf die Entwicklung von Zukunftstechnologien wie Roboterautos und E-Antrieben angetreten, wo Ford unter seinem Vorgänger Mark Fields den Anschluss verloren hatte. Doch statt mit Tech-Themen zu glänzen, ist Hackett jetzt als Sanierer gefragt. Bis 2022 sollen 25,5 Milliarden Dollar eingespart werden. Angesichts der kritischen Lage dürfte Europa kaum vom Rotstift verschont bleiben.

Die Zahlen sehen nicht gut aus: In den drei Monaten bis Ende Juni verschlechterte sich das operative Ergebnis im Jahresvergleich um 195 Millionen Dollar, letztlich fiel ein Quartalsverlust von 73 Millionen Dollar (64 Mio Euro) an. Auch für das Gesamtjahr 2018 erwartet Ford in Europa nun ein Minus. Die Kosten würden „aggressiv attackiert“, verkündete der Konzern im Juli. Ein für September geplantes Investorentreffen wurde verschoben, bis weitere Details zum weltweiten Konzernumbau feststehen.

Bei Ford in Köln hält man sich bedeckt, was konkrete Maßnahmen zur Senkung der Kosten und mögliche Pläne des Konzerns angeht, das Europageschäft zu verkaufen. Das Quartalsergebnis sei unter anderem gestiegenen Kosten wegen neuer Abgasvorschriften geschuldet, zudem hätten ungünstige Wechselkurse insbesondere beim Britischen Pfund das Ergebnis gedrückt, hieß es. In Deutschland habe Ford jedoch im ersten Halbjahr „seinen Wachstumskurs fortgesetzt“. Betriebsratschef Martin Hennig richtet indes sogar Forderungen an die Konzernspitze in Dearborn: Für den Standort Köln wünsche er sich die Fertigung eines zweiten Modells neben dem Fiesta, sagte Hennig der „Kölnischen Rundschau“ vom Freitag.

Zudem machte er deutlich, dass es bei Kostensenkungen nicht nur um Personalkosten gehen könne. „Eine Strategie, die mehr gleiche Teile bei den Fahrzeugen verwendet, würde helfen.“ Die Mitarbeiter seien nach der Kritik der Konzernführung verunsichert.

Laut Branchenkenner Dudenhöffer ist Ford im Massengeschäft unter den großen Herstellern in Europa abgeschlagen. Mit einer Gewinnspanne von lediglich 0,3 Prozent war die Europatochter des US-Autoriesen im ersten Halbjahr das Schlusslicht in der Profitabilitäts-Rangliste des Experten. Die Schwierigkeiten in Europa seien umso belastender, weil Ford bereits im weltgrößten Automarkt China einen Einbruch der Verkäufe zu verkraften habe und dort Investitionen für neue Modelle benötige. Für die europäische Zukunft verheiße das nichts Gutes. „Da wird noch einiges kommen“, glaubt Dudenhöffer.

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