1. Startseite
  2. Deutschland

Neuseeland verbietet Behördensprache – Deutschland pennt immer noch

Erstellt:

Von: Jana Stäbener

Kommentare

Behördensprache ist in Deutschland ein echtes Problem, findet Sprachexpertin Michaela Blaha. Sie fordert, dass die Politik sich endlich mit verständlicher Sprache befasst.

In Neuseeland wurde im Oktober ein ganz besonderes Gesetz verabschiedet. Es verbietet hochtrabende Sätze und unverständliche Wörter in wichtigen Dokumenten. Mit dem neuen Gesetz soll es für Nicht-Muttersprachler einfacher werden, Briefe vom Amt oder gerichtliche Anschreiben zu lesen. Alles schön und gut, aber wie sieht es auf dem Gebiet „verständliche Sprache“ eigentlich bei uns in Deutschland aus, dem Land der Bürokratie, in dem Papiermangel ein ernsthaftes Problem darstellt? Das hat BuzzFeed News DE von IPPEN.MEDIA die Sprachwissenschaftlerin Michaela Blaha gefragt.

Behördensprache: Neuseeland schafft sie per Gesetz ab

„Menschen, die in Neuseeland leben, haben das Recht zu verstehen, was die Regierung von ihnen verlangt, und welche Rechte sie haben“, sagte die Abgeordnete Rachel Boyack laut Guardian zum Gesetzesentwurf. Sie und andere Befürworter des Gesetzes glauben, dass klare Kommunikation der Schlüssel zu einer funktionierenden Demokratie ist. Durch verständliche Sprache könnten nicht nur alle Menschen besser erreicht werden – es werde auch viel Geld und Zeit gespart, so die Annahme.

Trifft das nicht auch auf Deutschland zu? Behördendeutsch ist hier ein ernsthaftes Problem – schon der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (ein Akademiker mit Volkswirt-Diplom) sagte laut Süddeutscher Zeitung (SZ), dass er seine Steuererklärung nicht verstehe. Wer Briefe von Behörden und Ämtern erhält, der steht nicht selten so ratlos da, wie die Musikerin Dalila, die ihre Verwirrung durch den Sound von Sims-Sprache ausdrückt – auch von der versteht man kein einzelnes Wort (siehe unten).

Behördensprache in Deutschland – „wo kein Kläger, da kein Richter“

Braucht man in Deutschland also auch so ein Gesetz, wie in Neuseeland? Es gebe bei uns schon eine gesetzlich vorgeschriebene Verständlichkeit, beispielsweise im Energiewirtschaftsgesetz. „Aber wo kein Kläger, da kein Richter. Da müssen Sie sich nur ihre letzte Stromrechnung anschauen. Ich wette mit ihnen, die war nicht gerade verständlich formuliert“, sagt die Germanistin und Anglistin Michaela Blaha gegenüber BuzzFeed News DE.

Die Vorschrift, verständlich zu schreiben, gibt es also schon längst. Was fehle, seien „Sanktionen oder eine Strategie, wie man diese Pflicht durchsetzt“, so die Sprachwissenschaftlerin. Für genau die setzt sich Michaela Blaha gemeinsam mit Juristin Nurşen Şahin-Schulze ein. Beide stammten aus Familien, die keinen akademischen Hintergrund gehabt haben und nahmen früh eine Übersetzer-Rolle ein, erzählt Blaha. Deswegen sei es für sie eine „Frage der gesellschaftlichen Gerechtigkeit“ geworden. „Dass nur ein ausgewählter Kreis in der Lage ist, Behördentexte überhaupt zu verstehen – das kann nicht sein.“

Über IPPEN.MEDIA

Das IPPEN.MEDIA-Netzwerk ist einer der größten Online-Publisher Deutschlands. An den Standorten Berlin, Hamburg/Bremen, München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Wien recherchieren und publizieren Journalistinnen und Journalisten unserer Zentralredaktion für mehr als 50 Nachrichtenangebote. Dazu zählen u.a. Marken wie Merkur.de, FR.de und BuzzFeed Deutschland. Unsere Nachrichten, Interviews, Analysen und Kommentare erreichen mehr als 5 Millionen Menschen täglich in Deutschland.

„Raumübergreifendes Großgrün“ bedeutet „Bäume“ auf Behördendeutsch

Blaha und Şahin-Schulze gründeten vor über 20 Jahren die „Gesellschaft für verständliche Sprache“ (Idema). Sie bietet Workshops an, in denen gerade Menschen bei Behörden lernen, verständlicher zu schreiben. Aber was bedeutet das überhaupt – „verständlich“? Hauptprobleme von Behördendeutsch sind laut Blaha zu lange und verschachtelte Sätze, ein falscher Aufbau, also dass das Wichtigste erst am Schluss stehe, und dass viele Fremdwörter verwendet würden. „Lichtbild ist zum Beispiel ein beliebter Behörden-Begriff für Foto“, so Blaha.

An Beispielen mangelt es der Germanistin nicht. Sie fragt unsere Autorin von BuzzFeed News DE: „Wüssten Sie beispielsweise, was ‚vom Hundert‘ bedeutet? Das steht in alten Gesetzestexten und heißt nichts anderes, als Prozent.“ Auch Begriffe wie „identisches Mehrstück“ (Kopie), „Raumübergreifendes Großgrün“ (Bäume) oder Grundstücksver­kehrsgenehmigungs­zuständigkeitsüber­tragungsverordnung sind Worte, die in Behörden immer noch verwendet werden, worüber sich auch der Tiktoker @dominik.artefex immer wieder in seinen Videos lustig macht (siehe unten).

Hier ist das Wort „Frauen“ zwar einfacher und verständlicher, schließt aber nicht alle Menschen mit ein. Deswegen argumentiert unsere BuzzFeed-Autorin dafür, häufiger „Menschen mit Uterus“ anstatt „Frauen“ zu sagen.

„Solche komplizierten Texte sind das Gegenteil von barrierefrei“

„Solche komplizierten Texte sind das Gegenteil von barrierefrei – vor allem für Nicht-Muttersprachler“, sagt Blaha. Dazu gehören auch die vielen Geflüchteten aus der Ukraine, für die momentan der Wohnraum knapp wird. Man könnte meinen, dass sich Behördendeutsch mit der Zeit selbst auslösche, weil die jungen Leute es nicht mehr verwenden. Aber das Gegenteil sei der Fall, so Blaha. Bei den jungen Behörden-Angestellten sei es besonders schlimm, denn diese hörten noch mehr auf ihre Vorgesetzten.

„Bei mir liegen abertausende Texte auf dem Schreibtisch. Es ist unfassbar, was einem da sprachlich um die Ohren gehauen wird. Ich verstehe nicht, warum behördliche Texte, bei denen Verständnis so wichtig ist, nicht eine Art Qualitätsprüfung durchlaufen müssen.“ Man könnte meinen, sie bei Idema hätte hunderte Angestellte. Doch dem sei nicht so, denn es hapere am „Veränderungswille in den Behörden und der Politik“.

„Oft argumentieren Behördenmitarbeiter, sie hätten eine hoheitliche Funktion und müssten von oben herab zu den Bürgern sprechen.“ Manchmal würden sie sich in ihren Seminaren sogar weigern, verständlicher zu schreiben. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum Sprache so unterschätzt wird“, sagt Blaha. Auch beim Gendern wird Sprache oft unterschätzt. Hier 7 Tweets zeigen, wie sich Gender-Gegner:innen lächerlich machen.

Michaela Blaha von Idema.
Michaela Blaha ist Germanistin und Anglistin und eine von zwei Geschäftsführerinnen der Gesellschaft Idema für verständliche Sprache. © privat

In Behörden müssen „bundesweite Ausbildungsstandards“ für verständliche Sprache her

Aber was könnte man dafür tun, dass Deutschland endlich verständlich spricht? „Die Wurzel des Problems liegt in der Ausbildung der Behörden. Die Leute sprechen normal, fangen an, dort zu arbeiten und schreiben auf einmal Behördendeutsch. Die Politik müsste hier ansetzen und bundesweite Ausbildungsstandards schaffen – auch für Quereinsteiger“, sagt die Expertin für verständliche Sprache. Auch bei Schulkindern läuft in der Bildung einiges schief – hier 5 Beispiele.

Das föderalistische System in Deutschland helfe nicht gerade. „Jede Behörde kocht ihr eigenen Süppchen, obwohl viele Dokumente wie zum Beispiel ein Hundesteuerbescheid ja im Grunde genommen gleich aufgebaut sind.“ Jegliche Versuche der Sprachwissenschaftlerinnen, Kommunen zu verbinden und einheitliche Standards zu schaffen, scheiterten bisher. Blaha ärgert das, denn es brauche nicht tausende verschiedene Versionen eines amtlichen Dokuments. „Ich halte das, gesamtwirtschaftlich betrachtet, für eine Verschwendung von Steuergeldern.“

Schon vor über 20 Jahren habe die „Gesellschaft für verständliche Sprache“ (Idema) Textbeauftragte in den Behörden gefordert. Doch das wurde nie umgesetzt und sei auch momentan eine Utopie – „nicht nur wegen der Krisen, sondern weil einfach der politische Wille fehlt.“ Als Blaha anfing, sich für verständliche Sprache einzusetzen, wurde sie immer weitergeschickt: vom Landrat zum Innenminister bis hin zum Justizministerium und Kanzleramt. „Niemand in der Politik fühlt sich verantwortlich. Deswegen müssen sowohl Zuständigkeiten her als auch die Erkenntnis, dass es kostenneutral eben nicht geht.“

Auch interessant

Kommentare