Rachel Heuberger

Zu Besuch bei der Leiterin der Judaica-Abteilung der Frankfurter Universitätsbibliothek

Ein neuer Antisemitismus bedroht das friedliche Zusammenleben in Deutschland. Was bewegt Jüdinnen und Juden, die in Frankfurt und der Region leben? Woran arbeiten sie? Was bedeutet ihnen das Jüdischsein? In einer Serie stellen wir in den kommenden Wochen in loser Folge Menschen aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Religion vor. Heute: Rachel Heuberger

„Ich habe selten ein richtiges Buch in der Hand“, sagt Rachel Heuberger über ihren Arbeitsalltag. Seit 1991 leitet sie die Judaica-Abteilung der Frankfurter Universitätsbibliothek. Mit über 250 000 Bänden verfügt Frankfurt über die deutschlandweit größte Judaica- und Hebraica-Sammlung. Als Hebraica werden Bücher, die in hebräischen Lettern geschrieben sind, bezeichnet. Alles, was inhaltlich mit dem Judentum zu hat und beispielsweise in lateinischen Lettern geschrieben ist, nennt man indes Judaica. Der Großteil der teils kostbaren Bücher lagert in Magazinen der Universitätsbibliothek. Im Lesesaal befindet sich nur ein Bruchteil des Bestands, wie etwa Lexika, Nachschlagewerke und Wörterbücher.

„Mein Arbeitstag sieht so aus, dass ich mich eigentlich darum kümmere, dass laufende Projekte korrekt betreut werden“, erzählt Heuberger. Sie skizziert dann die unterschiedlichen Schwerpunkte ihrer Arbeit: „Zum einen erwerben wir Literatur für die jüdischen Studien in der Bundesrepublik Deutschland generell.“ Als überregionaler Fachinformationsdienst Jüdische Studien muss Heubergers Abteilung sicherstellen, dass alle für die Forschung notwendigen Bücher und Medien in Frankfurt verfügbar sind.

Auch Israel-Studien sind ein Schwerpunkt der Judaica-Abteilung. „Da kaufen wir alles, was mit dem Staat Israel zu tun hat“, sagt Heuberger. „Das schließt auch den Nahostkonflikt und die Palästinenserfrage sowie die Minderheiten in Israel ein“, präzisiert sie. Zu ihren Aufgaben zählt nicht nur die Erweiterung des modernen Literaturbestands. „Wir haben einen sehr bedeutenden Bestand mit alten Büchern, mit Werken seit dem hebräischen Buchdruck, wir haben hebräische Handschriften“, erzählt Rachel Heuberger. Die Geschichte der Judaica-Sammlung reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. „Vor dem Zweiten Weltkrieg war hier die größte Sammlung auf dem europäischen Kontinent“, weiß Heuberger.

Ein Arbeitsschwerpunkt der vergangenen Jahre sei die Digitalisierung des Altbestands gewesen, berichtet sie weiter. Über eine öffentliche Online-Datenbank sind die historischen Bücher, Handschriften und Inkunabeln inzwischen weltweit zugänglich. In Zusammenarbeit mit anderen Bibliotheken hat die Frankfurter Judaica-Abteilung zudem die wichtigsten jüdischen Zeitungen und Zeitschriften des deutschsprachigen Raums bis 1938 digitalisiert und in einem Online-Portal zusammengeführt.

Bevor Rachel Heuberger an die Universitätsbibliothek kam, war sie freiberuflich tätig, unter anderem als Publizistin. So hat sie zusammen mit Helga Krohn das Begleitbuch zur Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt geschrieben. Ihr Mann Georg Heuberger war erster Direktor des 1988 eröffneten Museums. Zudem hat sie die Jüdische Volkshochschule Frankfurt gegründet und war deren erste Leiterin. Geboren wurde Rachel Heuberger 1951 in Israel. „Ich bin ein Kind von Holocaustüberlebenden“, sagt sie. Ihre Eltern kamen in den Fünfzigern nach Deutschland, um ihre Wiedergutmachung zu regeln. Sie seien dann hängengeblieben, erinnert sich Heuberger.

Nach ihrem Abitur ging Rachel Heuberger wieder nach Israel. „Ich hatte zu Deutschland früher ein sehr problematisches Verhältnis“, erzählt sie. Als Jugendliche habe sie nicht verstanden, wie man als Holocaustüberlebender in Deutschland leben könne, erläutert Heuberger. Ihre Einstellung hat sich mit den Jahren geändert: „Ich glaube inzwischen, dass Deutschland sehr viel getan hat, um die Vergangenheit aufzuarbeiten.“ In Jerusalem studierte Heuberger Geschichte, Judaistik und Pädagogik, danach arbeitete sie einige Jahre als Lehrerin. Nach Frankfurt kehrte sie aus familiären Gründen zurück.

Die Frage nach ihrer jüdischen Identität beantwortet Rachel Heuberger eindeutig: „Mein Judesein habe ich nie in Frage gestellt.“ Ihre Eltern seien fromm gewesen, und sie sei auch heute noch eine sehr traditionelle Jüdin, sagt Heuberger. In der Frankfurter Westend-Synagoge besucht sie den orthodoxen Gottesdienst in einem kleineren Gebetsraum. Rachel Heuberger fühlt sich als Jüdin in Frankfurt gut aufgehoben: „Wir haben eine sehr gut funktionierende Gemeinde.“

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