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Kommentar zur Abtreibungsdebatte

"Das Bild des charismatischen Papstes gerät ins Wanken"

Ein undemokratischer Staat, in dem ein absolutes Oberhaupt bestimmt, der offene Debatten und Scheidungen verbietet und in dem Frauenfeindlichkeit und die Diskriminierung von Homosexuellen alltäglich

Ein undemokratischer Staat, in dem ein absolutes Oberhaupt bestimmt, der offene Debatten und Scheidungen verbietet und in dem Frauenfeindlichkeit und die Diskriminierung von Homosexuellen alltäglich sind – das klingt wie eine ferne islamistische Diktatur, beschreibt aber auch den Vatikan. Mit Papst Franziskus schien ein Wandel zu beginnen, ein vorsichtiger Aufbruch der katholischen Kirche in die Moderne. Als charismatische Persönlichkeit beeindruckte er sogar viele Anders- und Nichtgläubige. Aber dieses Bild gerät ins Wanken.

Der Theologe Ansgar Wucherpfennig hatte geglaubt, dass der Papst den Dialog über Frauen und Homosexualität geöffnet hat – nun muss er um sein Amt fürchten. Und für Frauen, die sich in persönlichen Notlagen und nach großen Gewissenskonflikten für eine Abtreibung entscheiden, ist der päpstliche Vorwurf des „Auftragsmordes“ ein Schlag ins Gesicht. Möglicherweise wollte er nur vor einseitigen Beratungen im Fall von behinderten Föten warnen. Doch viele Menschen, die sich der Kirche vielleicht gerade wieder zuwenden, werden von solchen drastischen Äußerungen abgeschreckt.

Sicherlich kann die katholische Kirche nicht all ihre Prinzipien dem Zeitgeist opfern, ihre Moral darf nicht in Beliebigkeit abgleiten. Doch auch hier sind Einstellungen im Wandel, wie etwa Debatten um den Zölibat zeigen. Und dass Bistümer und Bischöfe nun Wucherpfennig den Rücken stärken, zeigt: Es gibt auch in der katholischen Kirche eine starke Bewegung hin zu mehr Menschlichkeit und Verständnis. Das ist besonders wichtig in Zeiten, in denen die gesellschaftliche Intoleranz in vielen Ländern zunimmt.

Zudem stößt ein Widerspruch sehr bitter auf: Der Vatikan setzt sich zwar bedingungslos für das ungeborene Leben ein. Ähnliches Engagement für bereits geborene Kinder, die von Priestern missbraucht wurden, lässt er aber leider immer noch viel zu oft vermissen.

pia.rolfs@fnp.de 

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