Fahrverbot

Bloß keine Panik-Verkäufe von Dieselautos

Ist mein Diesel nichts mehr wert? Bleibe ich auf den Kosten sitzen? Kann ich gegen den Hersteller klagen? Solche Fragen treiben viele Besitzer um. Wir haben uns bei Experten umgehört.

Sind Dieselbesitzer wirklich betrogen worden?

So sehen es Juristen, so sieht es der ADAC, so sieht es auch Jürgen Karpinski, der Präsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes. Viele Dieselbesitzer haben ihre Autos gekauft, als Diesel noch als umweltverträglichere Variante galten. Viele Verkäufer haben sie deshalb auch empfohlen. Schließlich erzielen Dieselmotoren die höchste Reichweite bei geringstem Kraftstoffverbrauch, stoßen also weniger Abgase aus. Die Verbraucher handelten, informiert und animiert durch Politik und Industrie, nach bestem Umweltwissen und -gewissen – und sind deshalb die Gelackmeierten.

Wie sind Dieselkäufer getäuscht worden?

Gerade um die Abgas- und damit die Umweltbelastung zu verringern, sind Dieselmotoren verkleinert worden. Durch die kleineren Motoren aber entsteht größere Hitze – und so wiederum entstehen Stickoxide über den zulässigen Richtwerten. Über diesen Tatbestand wurden Verbraucher hinweggetäuscht. Dass Stickoxid-Werte in nicht ferner Zukunft das wahre Umweltpolitikum werden würden, hat man vor vier Jahren keinem Dieselkäufer und auch den Autohändlern nicht deutlich gemacht – obwohl dies in Fachkreisen längst heftig debattiert worden war. Erst 2015 kam das Thema Stickoxide und Ausstoß-Messungen auf – auch im Zuge der Euro-6-Norm. Salopp hieß es damals plötzlich: Es gibt zu viele Diesel, die vor allem die Städte mit Stickoxiden belasten.

Haben betroffene Diesel stark an Wert verloren?

Ja. Experten taxieren den Wertverlust zeitweise auf weit mehr als 20 Prozent. Bereits 2016 war der Wert schon allein wegen des VW-Abgasskandals leicht gesunken, nach der Fahrverbotsentscheidung für Stuttgart im Januar 2017 sank er stark. Ein gebrauchter 5er BMW, der im Mai 2016 noch für etwa 26 500 Euro abzustoßen war, brachte im Mai 2017 schon im Schnitt nur noch 20 000 Euro ein.

Sollte ich meinen Diesel dennoch schnellstmöglich verkaufen?

Nein! Gebrauchtwagenhändler drücken zurzeit den Preis erheblich – und verkaufen mit hohem Gewinn in ländlichen Regionen.

Was sollten Dieselbesitzer tun?

Entweder selbst den Diesel in ländlichen Regionen anbieten. Oder abwarten – auch wenn es schwerfällt. Beruhigen könnte den Markt nämlich die Gewissheit, mit nachgerüsteter Hardware – also einem Stickoxid-Katalysator – Verbotszonen befahren zu können. Angesichts der niedrigeren Unterhaltungskosten könne sich dann die Anschaffung eines Diesels trotz zu bezahlender Nachrüstung wieder lohnen.

Was kostet die Nachrüstung?

So zwischen 2000 und 3000 Euro. An der entscheidenden Frage, wer sie bezahlen sollte, scheiden sich die Geister. Frankfurts Politiker etwa fordern, dass die Automobilindustrie zahlen sollte. Die Bundesregierung hält davon gar nichts.

Kann ich mit einem nachgerüsteten Diesel auch garantiert Städte mit Fahrverbot ansteuern?

Das eben steht noch gar nicht fest. Seit zwei Jahren fordern mehrere Verbände verbindliche Richtlinien für die Nachrüstung von Dieselmotoren – und damit vor allem Rechtssicherheit. Im Kern geht es um die Garantie, dass ich mit meinem umgerüsteten Diesel auch tatsächlich Dieselverbotszonen befahren kann. Stuttgart und das Land Baden-Württemberg wollen nachgerüstete Diesel nach strengen Abgas-Prüfkriterien akzeptieren. Das Kraftfahrtbundesamt hatte zuvor im Juni in Aussicht gestellt, ältere Dieselautos mit Stickoxidkatalysatoren zu genehmigen, hat dafür aber strenge Prüfkriterien genannt.

Woran scheitert die Fahrgenehmigung für nachgerüstete Diesel?

Bislang spricht sich unter anderem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) dagegen aus. Er bevorzugt die Software-Nachrüstung.

Hätte eine Klage gegen den Hersteller meines Diesels Chancen?

Zwei Anwälte, drei Meinungen. Der ADAC lässt das zurzeit prüfen – auch ob Sammelklagen erfolgversprechend sein könnten. Worin sich alle einig sind: Man sollte besser eine Rechtsschutzversicherung haben, die vor dem Kauf des Diesels abgeschlossen worden ist.

Bin ich mit einem Euro-6-Diesel auf der sicheren Seite?

Nein. Es heißt, dass die Umwelthilfe auch gegen Euro 6 zu Felde ziehen wolle. Sicher ist man nur mit Modellen mit der Abgasnorm Euro 6D-Temp. Eine sorgfältig geführte Liste findet man beim ADAC.

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