+
Annegret Kramp-Karrenbauer kommt in Berlin zur Sitzung des CDU-Vorstands in die Parteizentrale. Bald geht es auf Deutschlandtour.

Politik

CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauergeht auf Zuhör-Tour

  • schließen

Zuhören, fragen, antworten: Offiziell geht es Annegret Kramp-Karrenbauer gerade ausschließlich darum, dass die CDU wieder selbstsicher wird. Allerdings kann ihr Programm-Projekt auch eine ganz andere Folge haben.

Man wüsste gern, wie oft Angela Merkel in den vergangenen Wochen Annegret Kramp-Karrenbauer in ihr Nachtgebet eingeschlossen hat. Wenn Merkel denn betet nach des Tages Mühen. Falls ja, könnte die AKK-Frequenz hoch sein. AKK ist das CDU-interne Kürzel für die neue Generalsekretärin; schon weit länger, als Kramp-Karrenbauer ihren neuen Job angetreten hat. Das ist noch keine zwei Monate her. Aber in den exakt 59 Tagen legt sie ein Tempo vor, das – in Merkel-Maß gemessen – die Rasanz-Schwelle mindestens streift.

Dabei ist sie zugleich an Unaufgeregtheit ihrer Vorsitzenden mindestens ebenbürtig. Auch an Sortiertheit. In den Disziplinen Notwendigkeitenanalyse und Taktik/Strategie scheint AKK voraus, im Fach Kommunikation ist sie definitiv überlegen.

Und auch wenn sie selbst von solchen Vergleichen oder gar einem Wettbewerb wenig bis gar nichts halten mag: Es ist nicht zu übersehen, um wie viel offensiver als Merkel sie das Amt angeht, das diese ja einst auch innehatte. Unerschrocken hat Kramp-Karrenbauer eines der forderndsten Projekte ins Werk gesetzt, das Parteien zu bieten haben. Sie will der CDU ein neues Grundsatzprogramm schreiben. Und sie will es nicht nur für die Partei tun – sondern mit ihr.

Voraussetzung dafür: Sie muss wissen, was die Basis umtreibt. Denn, sagt Kramp-Karrenbauer, „mein Bauchgefühl und die Einschätzung des Konrad-Adenauer-Hauses muss nicht immer deckungsgleich sein mit dem, was die Basis denkt“.

Die Mitglieder plagt einiges, so viel ist klar. Manches ist längst öffentlich geworden, wie die Frage nach der Menge des Konservativen, das die CDU braucht; nicht bloß zum Überleben, sondern zum Lebendigsein. Oder wieder Lebendigwerden. Manches rumort auch nur in bestimmten geographischen oder sozialen Regionen. In Bonn am Rhein oder in Lübeck geht es vielleicht eher darum, ob die Europäische Union noch das richtige Zukunftsmodell ist – in Quedlinburg oder Frankfurt an der Oder, ob die eigene Lebensleistung genügend Anerkennung findet, auch und gerade politisch.

Um herauszufinden, worum es den Mitgliedern geht, was sie erwarten von ihrer Partei, wird Kramp-Karrenbauer auf „Zuhör-Tour“ gehen, fast ein Vierteljahr lang. Start ist am 27. April in Konstanz, Schluss am 14. Juli in Oldenburg. Fast 40 Orte, quer und längs durch die Republik, Termine früh, mittags, abends, damit auch kommen kann, wer Schicht arbeitet oder Angehörige pflegt oder schulpflichtige Kinder hat.

Und es soll, das ist Kramp-Karrenbauer wichtig, ganz anders zugehen als bei den Regionalkonferenzen mit der Kanzlerin. Deren Ziel ist stets, ihr Publikum zu überzeugen, dass die Regierungspolitik am Ende doch richtig ist. Für Kramp-Karrenbauer heißt zuhören auch und vor allem: nachfragen. Herausbekommen, was wirklich dahintersteckt, wenn Mitglieder finden, „der Islam gehört nicht zu Deutschland“ oder „Europa ist zu teuer“ oder „es gibt viel zu viel Zuwanderung“.

Sie rechnet nicht mit einem Spaziergang, im Gegenteil. Und sie ahnt, dass sie auch auf „Merkel-muss-weg!“-Forderer treffen wird. Die will sie fragen: „Gesetzt den Fall, Angela Merkel ist morgen weg: Was ändert das an der Programmatik?“ Übersetzt heißt das: Sie kann und will nichts vorbereiten. Aber sie ist auf alles vorbereitet. Und das Nachdenken soll nicht allein auf ihrer Seite sein.

Denn das neue Programm soll kein Top-Down-Werk werden, nichts von oben herab Diktiertes, sondern genau anders herum entstehen. Aus der Zuhör-Tour, so plant Kramp-Karrenbauer, sollen sich Leitfragen ergeben, ein gutes Dutzend etwa – bis Ende 2018. Die will sie dann in sogenannten Programmklausuren diskutieren und diskutieren lassen, auf allen Parteiebenen – bis zu einem ersten Entwurf des Programms. Darüber wird das Jahr 2019 vergehen. 2020 beginnt mit dem Gegenstück zum Zuhören – der „Antwort-Tour“. Und am Ende soll der Parteitag im Dezember das neue Grundsatzprogramm beschließen – pünktlich vor Beginn des Wahljahres 2021.

So ist der Plan. Am Ende soll die CDU, nach all den Erschütterungen seit 2015, wieder besser wissen, wer sie sein will. Und wer sie ist: im Vergleich zur SPD, zur Schwesterpartei CSU – und ganz besonders zur neu erwachsenen Konkurrenz von rechts. Klappt alles, wird Kramp-Karrenbauer ihr Werk exakt dann präsentieren, wenn die Union entscheidet, wer sie in die nächste Bundestagswahl führen soll. Das muss, selbstverständlich, nichts heißen. Kann aber unbedingt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare