„Skurrile Entwicklung“

Corona-Sonderbehandlung für Staatsbedienstete bei Bahnfahrten – auf Staatskosten

Die Deutsche Bahn (DB) will Reisenden trotz Corona keinen freien Nebenplatz garantieren. Mitarbeitende des Bundes sollen diesen aber nun erhalten – auf Staatskosten.

  • Der während der Corona-Pandemie geltende Mindestabstand ist bei Fahrten mit der Deutschen Bahn (DB) für viele Passagiere kaum einzuhalten.
  • Bund und Deutsche Bahn (DB) sind dennoch weiterhin gegen einen Reservierungspflicht.
  • Mitarbeitende des Bundes sollen jetzt aber einen freien Nachbarplatz garantiert bekommen.

Frankfurt – Den Mindestabstand aufgrund von Corona bei Fahrten mit den Fernzügen der Deutschen Bahn einzuhalten, ist für viele Kundinnen und Kunden kaum möglich. Einen freien Nachbarplatz zum eigenen Schutz wollen Bund und DB den Reisenden nicht garantieren, auch gegen eine Reservierungspflicht stemmt sich die Deutsche Bahn.

Sicherheitsmitarbeitende der Deutsche Bahn (DB) kontrollieren zusammen mit Polizisten der Bundespolizei die Einhaltung der Maskenpflicht in einem ICE.

Deutsche Bahn und Corona: Bund lehnt Reservierungspflicht ab

Der Bund lehnt bisher sowohl die Reservierungspflicht als auch einen garantierten Mindestabstand bei Bahnfahrten ab und verweist darauf, dass es für ein erhöhtes Risiko einer Corona-Infektion in Zügen keine Belege gebe. So erklärte beispielsweise Fernverkehrsvorstand Berthold Huber, dass Fahrten mit der DB auch ohne Reservierungspflicht sicher seien.

Ein Rundschreiben, in dem das Bundesinnenministerium über neue Regelungen für Dienstreisen seiner Mitarbeitenden informiert, lässt an diesen Aussagen jedoch zweifeln. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung teilt das Ministerium in dem Rundschreiben seinen obersten Bundesbehörden mit, dass deren Mitarbeitende, die während Corona mit der Deutschen Bahn zu Dienstreisen antreten, neben ihrem eigenen Sitzplatz zusätzlich einen leeren Nachbarplatz buchen können. Dadurch solle der Mindestabstand eingehalten werden.

Deutsche BahnEisenbahnunternehmen
CEO: Richard Lutz (seit 22. März 2017)
Hauptsitz: Berlin
Umsatz: 42,7 Milliarden EUR (2017)
Tochtergesellschaften:DB Schenker, DB Cargo, DB Regio

Extra-Ticket bei der Deutschen Bahn für Bund-Mitarbeiter wegen Corona

Dabei handle es sich laut dem Bericht nicht um eine Reservierung, sondern um eine Fahrkarte. Der Kauf des weiteren Tickets erfolge dabei auf Kosten des Bundes, heißt es demnach in dem Schreiben. Dem Bericht zufolge räume der Bund seinen Mitarbeitenden diese erweiterte Erstattungsmöglichkeit über das Bundesreisekostengesetz zunächst befristet bis Ende März ein.

Doch nicht nur bei Fahrten mit der Deutschen Bahn während der Corona-Pandemie sollen die Mitarbeitenden des Bundes Vorteile genießen, auch bei Flugreisen sind sie angehalten, sich einen Mittelplatz dazuzubuchen, um den Mindestabstand einhalten zu können, schreibt die Zeitung.

Opposition plädiert für Reservierungspflicht bei der Deutschen Bahn während Corona

Die Opposition zeigt sich von dem Rundschreiben irritiert. FDP-Verkehrspolitiker Christian Jung sagt: „Diese skurrile Entwicklung bestätigt, dass eine Reservierungspflicht richtig wäre.“ Auch der verkehrspolitische Sprecher der Grünen Stefan Gelbhaar kritisiert die Ansagen des Bundesinnenministeriums: „Es fragt sich, warum der Bund einen Mindestabstand in Zügen nur für die Mitarbeiter und nicht für alle Passagiere garantiert.“

Die DB räumt laut dem Bericht derweil wirtschaftliche Überlegungen als Grund für eine fehlende Reservierungspflicht während der Corona-Pandemie ein. So würde das staatliche Unternehmen bei einem in Zug geltenden Mindestabstand von 1,50 Meter nur etwa ein Viertel der vorhandenen Tickets verkaufen. (Joshua Bär)

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/dpa

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