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Ach, hätte er sich doch nur auf den Sport konzentriert: Mesut Özil sitzt beim Training im Sportzentrum Rungg auf einem Ball.

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Die Debatte um Özil und Gündogan hat nichts mit Rassismus zu tun

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Und es kam wie es kommen musste. Am Anfang stand die berechtigte Kritik, am Ende wird die Rassismus-Karte gezogen. Das ist leider typisch für die deutsche Debattenkultur und ist so auch nicht zu akzeptieren.

Ich habe kürzlich in einem Chat einer großen deutschen Sportzeitschrift eine sehr engagierte Diskussion über den notwendigen Umbau der deutschen Nationalmannschaft gelesen. Dabei fielen immer wieder zwei Namen: Leroy Sane und Emre Can. Der Vater von Sane stammt aus dem Senegal, der andere, Can, ist ein deutscher Fußballspieler türkischer Abstammung. Diese Aspekte spielten bei der Debatte, an der viele Leser teilgenommen haben, jedoch keine Rolle. Es wurde nur über die fußballerischen Qualitäten der beiden Begabten gefachsimpelt.

Diese Diskussion unter Fußball-Fans hatte eine ganz andere Qualität als die, die derzeit über Mesut Özil und Ilkay Gündogan geführt wird. Denn das, was man derzeit über Erdogan-Gate liest, zeigt ein mal mehr wie ermüdend die deutsche Debattenkultur geworden ist. Man konnte die Uhr danach stellen, dass irgendwann die Rassismus-Karte gezogen wird. Doch das geht kilometerweit an dem vorbei, worüber sich der „normale“ Fußball-Fan gerade echauffiert.

Dass Özil und Gündogan eine emotionale Bindung an das Land ihrer Eltern und Großeltern haben, ist völlig verständlich und nachvollziehbar. Dass sie sich grinsend neben den Despoten vom Bosporus stellen, der in der Türkei Tausende Lehrer, Richter oder Journalisten ohne Anklage in den Knast gesteckt hat, ist es nicht. Sie haben mitten im türkischen Wahlkampf neben dem den Mann gestanden, der aus der Türkei seine persönliche Spielwiese macht, der dabei ist, die Demokratie auszuhebeln. Und das ist es, was mich ärgert – vor der WM, während der WM und auch nach der WM.

Es wird immer wieder gesagt, dass die beiden das ja nicht als politisches Statement gemeint hätten. Zumindest werden sie die Tragweite ihres Tun nicht ansatzweise vorhergesehen haben, doch irgendwann muss ihnen, ihrem Management und anderen Vertrauten doch aufgefallen sein, dass sie da eine Dummheit begangen haben. Seitdem hat es Hunderte von Gelegenheiten gegeben, sich zu erklären. Gerade die Marke Mesut Özil ist eine Twitter-Maschine, die das Jahr über unzählige Belanglosigkeiten heraushaut. Aber jetzt schweigt er. Er hat genau nichts getan, um ein wenig Druck aus dem Kessel zu nehmen. Gündogan hat wenigstens den Mumm gehabt, öffentlich über Erdogan-Gate zu sprechen. Özil nicht, ein Vorbild ist etwas anderes. Und das ärgert mich – vor, während und auch nach der WM.

Dabei hätten sich die beiden Fußballer doch einfach mal bei ihrem Kollegen Deniz Naki (ehemals St. Pauli) nach Erdogan und dessen Umgang mit Menschen, die nicht seiner Meinung sind, erkundigen können. Oder sie hätten es wie Emre Can machen können, der dem Wunsch Erdogans nach einem Foto nicht nachgekommen ist.

Die jetzt angestoßene Rassismus-Debatte ist einfach nur lächerlich. Warum rücken denn Jerome Boateng, Sami Khedira oder Antonio Rüdiger nicht ebenso in den Focus? Weil sie kein Foto mit einem zweifelhaften Anti-Demokraten gemacht haben. Hinzu kommt, dass die Kritik an Özil schon viel früher begonnen hat. Arsenal London und ihr deutscher Spielmacher haben eine desaströse Saison in der Premier League hingelegt, im Halbfinale der Europa League hat auch Özil die Niederlage seiner Gunners gegen Atletico Madrid mit hängenden Schultern hingenommen. In den ominösen Vorbereitungsspielen der Nationalmannschaft seit dem Herbst 2017 gehörte Özil stets zu den schlechtesten deutschen Kickern. Ohne die Nibelungen-Treue von Bundestrainer Jogi Löw hätte man schon vor Erdogan-Gate darüber nachdenken können, Özil aus dem Kader zu streichen – rein aus Leistungsgründen. Darum dreht es sich bei den allermeisten Debatten unter Fußball-Fans, nicht um die türkischen Wurzeln.

Allerdings gibt es tatsächlich auch noch andere, die sich in dieser Affäre nicht mit Ruhm bekleckert haben. Dazu gehören zu vorderst die rechten Krakeeler, die die Diskussion im Internet in Heckenschützenmanier ausnutzen, um ihren geistigen Müll loszuwerden. Doch weil diese geistigen Tiefflieger am lautesten brüllen, heißt es noch lange nicht, dass sie die Meinung der Mehrheit der Deutschen vertreten.

Geradezu absurd ist die Rolle von DFB-Präsident Reinhard Grindel und des DFB-Chefvermarkters Oliver Bierhoff. Denn wenn es zurzeit etwas zu kritisieren gibt, dann ist es das Krisenmanagement des DFB. Dass die beiden Funktionäre – um von eigenem Versagen abzulenken – die Debatte um Özil und Gündogan noch mal in der jetzigen Form anheizen, ist der eigentliche Skandal in dieser Affäre.

Dennoch lasse ich mich als Fan der deutschen Nationalmannschaft nicht von einer berechtigten Kritik am Verhalten von Mesut Özil und Ilkay Gündogan direkten Weges in den Rassismus-Sumpf führen. Und ich möchte mich auch nicht dafür entschuldigen, dass ich von deutschen Nationalspielern ein wenig Identifikation einfordere. Die Nationalmannschaft ist nun mal nicht die Bundesliga mit ihren mitunter unsäglichen Wappen-Knutschern. Wer in Deutschland geboren ist, kann für die deutsche Nationalmannschaft spielen. Irgendwelche armseligen Blut-und-Boden-Ideologien können mir gestohlen bleiben. Aber sie sollten es mit Herz, Seele und Verstand tun – zumindest letzteren hatten Özil und Gündogan ausgeschaltet, als sie sich mit „ihrem Präsidenten“ ablichten ließen. Mit Rassismus hat all das aber nichts zu tun.

Und was mich mittlerweile am allermeisten ärgert: Dass Erdogan jetzt in seinem 1000-Zimmer-Palast sitzt und sich mit Blick auf die EM-Vergabe 2024 ins Fäustchen lacht. Ja, denn auch das ist eine Folge dieser unsäglichen Fotos.

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