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Eingang zur Frankfurter Universitäts-Bibliothek Johann-Christian Senckenberg am Campus Bockenheim.

Orte des Wissens

Von digitalen und von echten Räumen

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Wofür braucht man heute noch Bibliotheken? Sind sie angesichts des virtuell verfügbaren Wissens nicht überflüssig? Eine konstant hohe Besucherzahl jedenfalls spricht dafür, dass sie gebraucht werden wie eh und je.

Schon immer waren Bibliotheken Horte des Wissens und der Literatur. Aber braucht man sie im digitalen Zeitalter immer noch? Als im Frühjahr dieses Jahres über den Neubau der 50 Jahre alten Uni-Bibliothek diskutiert wurde, für die das Land 100 Millionen Euro zur Verfügung stellen will, meldeten sich sogleich Kritiker: Wohnungen zu bauen sei doch viel dringlicher. Ein häufiges Argument: Wofür riesige Bauten, wenn man immer mehr Informationen online findet? Und alte Bücher können doch digitalisiert werden.

Doch mit konstant hohen Besucherzahlen können Bibliotheken dagegenhalten. Im Branchenmagazin Buchreport berichtete kürzlich gar Konstanze Söllner, die Vorsitzende des Vereins deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare, viele der 244 wissenschaftlichen und 7530 öffentlichen platzten aus allen Nähten: „Es brennt überall.“ Mit Kundenfreundlichkeit und umfangreichen Dienstleistungen versuchen Bibliotheken ihrem Auftrag gerecht zu werden. Dabei orientieren sie sich an Amerika, wo Bibliotheken längst weitreichende Service-Center sind, deren Dienste weit über das Bereitstellen von Büchern hinausreichen.

Allmählich ziehen die deutschen Bibliotheken in diesem durchaus von Wettbewerb geprägten Feld nach. Das sagt Bernd Wirth, der die Öffentlichkeitsarbeit der Johann-Christian-Senckenberg-Bibliothek der Goethe-Universität koordiniert. Sie ist eine von sieben hessischen Landesbibliotheken, die sich zu einem Verbund zusammengeschlossen haben. Die anderen Mitglieder sind die Landes- und Regionalbibliotheken von Darmstadt, Wiesbaden, Gießen, Marburg, Kassel und Fulda. Schon seit dreißig Jahren arbeiten sie im Hessischen Bibliotheksinformationssystem, kurz HeBIS, zusammen. Unter dem raffiniert hintergründigen Titel „Zukunft, die bleibt“ haben sie gemeinsam eine Broschüre herausgegeben, die ihre Aufgaben und Ziele umreißt: Sammeln, Bewahren, Digitalisieren, Erschließen und Präsentieren lauten die Schlagworte. Das Kapitel, das sie auflistet, heißt symptomatischerweise „Viel mehr als Bücher“.

Früher war Bücher bereitzustellen die zentrale Aufgabe von Bibliotheken, und auch heute noch dienen sie der Literatur- und Informationsversorgung. Längst aber sind die elektronischen Medien dominant: Für elektronische Journale, E-Books und Digitalisate von Alten Büchern geben Bibliotheken mittlerweile weit mehr Geld aus als für gedruckte Produkte. Das gilt selbst, wenn man die Mittel für die Digitalisierung des eigenen Bestands nicht einrechnet.

So sind Bibliotheken einerseits Wissensorte, andererseits aber ist ihr physischer Ort zunehmend unwichtig. Zumindest für oberflächliche Wissensinformationen haben das Netz und gängige Suchmaschinen längst die Funktion von Bibliotheken übernommen. Wer aber genau und fundiert recherchieren will, kommt um Bibliotheken nicht herum – zumal sie es sind, die die Zugänge zu vielen digitalen Texten überhaupt erst schaffen: Mehr als 300 000 lizenzierte E-Books und mehr als 31 000 lizenzierte elektronische Zeitschriften hatte die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg 2017 in ihrem stetig wachsenden Bestand.

Nur einen Teil des elektronischen Bestands können die Bibliotheksnutzer auch digital zu Hause einsehen: Die Lizenzgebühren dafür sind schlicht zu hoch. Doch es gibt noch weitere Gründe, die die Nutzer in die Häuser zieht: Vor 20 Jahren seien Besucher meist gekommen, um sich Bücher auszuleihen oder sie im Lesesaal zu studieren. Heute, sagt Wirth, habe sich das grundlegend gewandelt: Das „Drumherum“ sei viel wichtiger geworden. „Die Bibliothek ist zum Treffpunkt geworden – ein ruhiger Ort, um sich zu sammeln und konzentriert zu arbeiten.“

Der Zusammenschluss der sieben hessischen Bibliotheken führt zu erheblichen Synergieeffekten. Lizenzvereinbarungen im Konsortium sparen Kosten ein. Und jedes Buch muss nur einmal in den Katalog eingepflegt werden. „Im Verbund haben wir ein systemtechnisches Know-How, das auch das Einspielen von Daten leicht macht.“

Damit Altbestände erhalten bleiben, müssen die Bücher gegen Säurefraß, Schimmel oder Verschmutzungen gesichert werden. 2018 hat das Land Hessen dafür zum ersten Mal ein Förderprogramm in Höhe von einer Million Euro aufgelegt – Begründung: „um das kulturelle Erbe Hessens dauerhaft zu sichern und damit für zukünftige Generationen zu erhalten“. Auch hier ist der Bibliotheksverbund sinnvoll: Jede Region kümmert sich um den Erhalt derjenigen Publikationen, die für ihr Gebiet bedeutsam sind. Als die Nationalbibliothek mit ihren Standorten Frankfurt und Leipzig kürzlich verkündete, Bücher, sobald sie digitalisiert vorlägen, nur noch elektronisch auszuleihen, führte das zu vehementen Protesten, die die Bibliothek zur Umkehr veranlassten. Der Wunsch der Leser, ihre Bücher in papierener Form in Händen zu halten, wurde offenbar unterschätzt.

Stärker geworden sind Recherchen nach Büchern aus einem bestimmten Besitz. Die Aufbewahrung charakteristischer Nach- oder Vorlässe macht Bibliotheken zu individuellen Stätten der Literatur. So wechselte kürzlich eine über Jahrzehnte gewachsene Sammlung von Büchern von und über Jürgen Habermas an die Frankfurter Bibliothek. Bekannt ist das Frankfurter Haus auch als Verwalter der Schopenhauer-Bibliothek.

Aber auch die anderen Häuser haben Besonderes zu bieten: Marburg etwa digitalisiert den 40 000 Seiten umfassenden Nachlass von Friedrich Carl von Savigny, Kassel stellt über das Grimm-Portal alle Bestände der Märchenbrüder weltweit zur freien Verfügung. Fulda besitzt den umfangreichsten Bibliotheksbestand von und über Ulrich von Hutten. Und Darmstadt gehört eine historische Kartensammlung, mit etwa 35 000 Blättern eine der größten in Deutschland.

Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, spricht in „Zukunft, die bleibt“ von der baulichen und informationstechnischen „Sichtbarkeit“ der sieben hessischen Häuser. So rasant die Digitalisierung der Bibliotheken auch voranschreitet – an ihrer räumlichen Präsenz führt (noch) kein Weg vorbei.

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