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Gerhard Gundermann (Alexander Scheer) wird Vater. Seine Frau Conny (Anna Unterberger) hofft, dass sich die Verhältnisse in Ostdeutschland zum Besseren wandeln.

Lebensgeschichte „Gundermann“

So einfach ist der Kommunismus nicht

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In Andreas Dresens Film spielt Alexander Scheer einen Sonderling, der sich gegen die Obrigkeit des SED-Staats auflehnt und zugleich von ihr benutzen lässt.

Kaum ein anderer deutscher Regisseur hat sich in seinen Arbeiten derart ausdauernd darum bemüht, das Leben der Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit zu erfassen, wie Andreas Dresen. Dort, wo andere schon zum nächsten Plotpunkt hetzen, bleibt Dresen stehen und schaut genau hin: auf den Mikrokosmos einer Imbissbude in „Halbe Treppe“, auf das Berliner Single-Dasein in „Sommer vorm Balkon“, auf das Liebesleben von Menschen über 60 in „Wolke 9“ oder auf die familiären Folgen einer Krebserkrankung in „Halt auf freier Strecke“. Dresens Blick ist immer der eines Humanisten, dessen Interesse für seine Figuren das Fehlverhalten einschließt, um gerade daraus Zuneigung zu entwickeln.

Seit zwölf Jahren haben Dresen und seine Drehbuchautorin Laila Stieler an dem Skript zu „Gundermann“ gearbeitet und vielleicht ist es gerade das Vergehen der Zeit, das diesem Film die Reife verleiht, die sein Titelheld verdient. Gerhard Gundermann war der wichtigste ostdeutsche Liedermacher der Nach-Wende-Zeit. Wie kein anderer brachte er in wunderbar spröder Lyrik das Lebensgefühl eines sich in Auflösung befindlichen Staates auf den Punkt. Als „singender Baggerfahrer“, der neben seiner Musik als Schichtarbeiter im Lausitzer Braunkohlerevier malochte, genoss er im Osten Kultstatus und blieb im Westen während der 90er weitgehend unbekannt. Sehnsucht, Romantik und politische Statements greifen in seinen Songs ineinander. Es sind Lieder, die einem mit ihrer Poesie und Aufrichtigkeit direkt ans Herz gehen, auch heute noch. Dennoch taugt dieser 1998 im Alter von 43 Jahren plötzlich gestorbene Gundermann nicht für eine Musikerbiografie, die sich vor dem Künstler huldvoll verneigt.

Schaut man auf das kurze Leben des Gerhard Gundermann, trifft man auf eine Existenz voller Widersprüche. Dass sich ein sensibler Liedermacher als harter Bergbauarbeiter verdingt, ist schon ungewöhnlich genug. Aber darüber hinaus war Gundermann Kommunist. Wenn es ihn, den Sozialismus, nicht schon gegeben hätte, dann hätte er ihn erfinden müssen, sagt er selbst im Film. Aber die Liebe bleibt eine einseitige. Gundermann wird wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ aus der SED ausgeschlossen und weigert, sich sein Parteibuch zurückzugeben. Und dann gibt es noch Gundermann den Spitzel, der sich der Staatssicherheit acht Jahre lang als zuverlässiger Informant zur Verfügung stellt, um nach seinem Parteiausschluss 1984 schließlich selbst zum Bespitzelten zu werden.

Die Auseinandersetzung mit seiner Stasi-Vergangenheit ist Dreh- und Angelpunkt der Erzählung, die 1995 einsetzt und in die 70er und 80er Jahre zurückschwenkt. Am Anfang schlawinert Gundermann sich noch um seine Verantwortung herum. Wenn er sich bei einem bespitzelten Puppenspieler bekennt oder in der Gauck-Behörde nassforsch seine Täterakte einsehen möchte, will er nur abschätzen, wie tief er im Schlamassel steckt. Seine Vergangenheit als IM Grigori hat Gundermann gründlich verdrängt, und als er schließlich über eine Journalistin an seine Akte herankommt, ist er selbst schockiert über die Details und das Ausmaß seiner Spitzeltätigkeit: „Ich werde euch nicht um Verzeihung bitten, aber ich werde mir selbst nicht verzeihen“. Dresen zeigt diesen Prozess keineswegs als lineare Läuterung, sondern als schlingernden Weg der Erkenntnis, auf dem Eigennutz und moralische Selbstverortung immer wieder neu ausgerichtet werden müssen.

Auch wenn die Auseinandersetzung um Verdrängung und Schuld hier ungewöhnlich persönlich und differenziert geführt wird, ist „Gundermann“ weit mehr als ein Stasi-Film, der dem schlichten moralischen Impetus etwas entgegensetzt. Der Film versucht aufrichtig und mit Erfolg, der widersprüchlichen Persönlichkeit Gundermanns gerecht zu werden. Alexander Scheer ist (auch musikalisch) einfach hinreißend in dieser Rolle und bringt die verschiedenen Facetten seiner Figur zum Leuchten: Die linkische Verwegenheit und die romantische Beharrlichkeit, mit der Gundermann um die Liebe seines Lebens Conny (Anna Unterberger) kämpft. Den anstrengenden Querulanten, der den SED-Funktionären auf die Nerven geht. Den leidenschaftlichen Musiker, der für seine Songs brennt. Den Melancholiker, der die Sehnsüchte nach einem nicht normierten Lebensglück in Worte fasst. Gerade mit diesem kraftvollen Bekenntnis zur Zerrissenheit entfaltet „Gundermann“ seine tief berühende Wirkung. Herausragend

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Frankfurt: Cinema, Harmonie, Orfeos Erben

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