Freie Schauspielgruppe

Ensemble 9. November begeht im Gallustheater ihr 30-jähriges Bestehen

Das „Ensemble 9. November“ begeht im Gallustheater Frankfurt 30-jähriges Bestehen: mit zwei Tagen Highlights und den „Szenen eines Kulturvolks“. Marcus Hladek besuchte das Künstler-Duo Körte / Fiebig.

Schon mal im Künstleratelier gewesen, oder im Fundus einer Theatergruppe? Das Atelier des Objektkünstlers Wilfried Fiebig in der Ostparkstraße und der Fundus des „E9N“ unter dem Gallustheater sind derart, dass man erst einmal zurückprallt und kaum den Fuß aufzusetzen wagt. Der Wirrwarr besonders im Fundus, der drei Mieträume bis zur Decke füllt, schüchtert ein. Fiebig, der bei Adorno und Horkheimer in Philosophie promovierte und auch lehrte, behauptet, jedes der Tausende Objekte jederzeit zu finden. Hilft nichts: Für die Jubiläumsfeier wälzte er den Fundus komplett um und sortierte alles neu, um an die nötigen Bühnen- und Kostümobjekte aus dreißig Jahren zu gelangen. Kreatives Chaos? Mehr als eine Floskel.

Den Namen „Ensemble 9. November“ wählten Fiebig und Helen Körte, gemeinsam Kern der Gruppe, nach der einschlagenden Premiere von „Szenen eines Kulturvolkes“ 1988: zum Gedenken der Reichskristallnacht 1938. Körte war mit dem Stückkonzept aus München nach Frankfurt eingeladen, wo sich das Ensemble auf einen Schlag etablierte. Zum Thema NS, so Körte, könne sie aber keine dreißig Jahre lang Theater machen. Ihr Faible: Sie liebt es,

Bilder der Weltliteratur

, zumal der russischen, szenisch funkeln zu lassen.

Ein Fest der Sinne soll das Jubiläum werden. Bis heute führt das „E9N“ die „Szenen eines Kulturvolkes“ nach Fanja Fénelons „Das Mädchenorchester von Auschwitz“ alle fünf Jahre auf: diesmal vom 24. bis 28. Oktober. Los geht es aber Tage früher mit zwei Blütenlesen aus den rund dreißig „E9N“-Gesamtkunstwerken (19. und 20.), je eingerahmt von Liedern. Am 19. spielen sie „Gute Knochen“, „Obdachlosigkeit der Fische“, „Denke ich an Kafka . . .“ und „La strada“ (nach Atwood, Genazino, Charms, Garnett, Fellini). Am 20. Lorcas „Bluthochzeit“, eine Groteske von Charms, Ingeborg Bachmanns „Frau im Mond“. Dazu Saxofon und in Filmform das Finanz-Stück „Tanz der Heuschrecken“ nach Quintreau.

Zurück ins Atelier, wo Wilfried Fiebig einen Pfad freigeschaufelt hat und nun erklärt, Kunstmachen habe für ihn mit acht begonnen und dauere an: mit 78. Im Duo ist er die Stimme der Vernunft, führt unentwegt „Kant, Hegel, Marx“ auf der Zunge und nennt sich ganz im Sinn seiner Promotion („Das Ende der Kunst“) ungern Künstler. Dabei hatte er auch Ausstellungen und Museumsverkäufe, etwa im und ans heutige „Museum Angewandte Kunst, und hätte nichts gegen mehr davon. Aber die Mühe scheut er.

Körte hält sich bedeckter. Sie lebte seit dem Literaturstudium in Boston lang in Nordamerika, war vor Fiebig bereits mit zwei Professoren verehelicht (ein Maler, ein Architekt), wollte dann jedoch „die Seele und Kultur Europas wiederfinden, auch für die Kinder“. Nach der Münchner Olympiade bekam sie ein Theater im olympischen Dorf („Das war eine Wüste“) „praktisch geschenkt“ und sollte später fürs Residenztheater eine Frühform der „Szenen eines Kulturvolkes“ inszenieren, was sich zerschlug.

Was sich seit zehn, zwölf Jahren etabliert hat, ist ein Rhythmus zweier Stücke pro Jahr mit wechselnder Autorschaft Körte / Fiebig bei Bühne und Kostümen von Fiebig. Leichter als mit seiner glasklaren Vernunft sollen es die Performer mit Körte haben. Die Regisseurin liebt das Spielerische, erkennt und schätzt Kunst und lässt Fiebig machen. „Additiv, mit Karacho“ umschreibt er die regelmäßigen Spannungen ihrer beider Naturelle.

Wenn Fiebig argumentiert, muss man mithalten. Von der heutigen „Renaissance“ und „Europas neuen Helden“ geht es flugs zu einer Bauhaus-Ausstellung 2019, mit Augenmerk für seine Objekte. Als Auftragswerke Körtes sieht er seine Objektkostüme nie: „Der Künstler macht nichts nach, er sucht sich Anlässe. Aus dem Nichts kommt Gott zum Sein, nichts aus einem Etwas, das er nachahmt. Ich glaube nicht an Gott, aber an Bach.“

Jähe Einblicke tun sich auf, als er einen „Weinberg“ mit beschnittenen Rebstock-„Narben“ beschreibt. Ihr „Leiden“ führt ihn prompt zum Dreißigjährigen Krieg und zu Gryphius, was wiederum die Struktur plattgefahrener Vögel („Die werden ganz grafisch“) nach sich zieht.

Dem Gesamtkunstwerk Marke „E9N“ gibt Fiebig eine spezielle Wendung: Spieltext und Musik glichen einem Automobil: „Nicht der Autofahrer fährt das Auto, das Auto fährt den Fahrer. Sie müssen dem Gegenstand gehorchen wie dem Messer beim Wurstschneiden. Wenn Sie nicht aufpassen, schneiden Sie sich. Das Messer diktiert das Handeln.“

Am 19., 20. und 24.–27. Oktober, 20 Uhr, und am 28. Oktober, 18 Uhr, im Gallustheater. Karten (18–25 Euro), Infos: Tel. (069) 75 80 60 20. Website: .

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