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Blick durch eine Lupe auf das Logo des sozialen Netzwerkes Facebook.

Pro und Kontra

Facebook: Fluch oder Segen für die Demokratie?

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  • Dominik Rinkart
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Das soziale Netzwerk Facebook bleibt in den Schlagzeilen: Nachdem Daten von bis zu 87 Millionen Nutzern an die Firma Cambridge Analytica weitergegeben wurde, ist von einem großen Skandal die Rede. Das Image des sozialen Netzwerks scheint so schlecht wie nie. Ist Facebook Fluch oder Segen? Unsere Redakteure kommentieren.

Über eines muss sich jeder im Klaren sein: Wer Facebook nutzt, wird dadurch zu einer öffentlichen Person, agiert im öffentlichen Raum und macht sich gläsern. Dass die eigenen Daten in irgendeiner Form geschützt werden, darauf kann niemand vertrauen. Doch es kann sich lohnen, seine Privatsphäre zu öffnen und sich einem digitalen Gemeinschaftsleben hinzugeben. Denn die Möglichkeiten, die Facebook bietet, sind grenzenlos:

Die Gruppenfunktion bringt hilfsbereite Menschen aus der Nachbarschaft zusammen. Tauschbörsen geben ungenutzten Gegenständen neuen Wert, Vereine und Initiativen präsentieren und vernetzen sich, Nachrichten werden nicht mehr nur konsumiert, sondern gleich diskutiert. Die Liste dieser gemeinschaftsstiftenden Möglichkeiten ist lang. Doch über ihr thront eine Gefahr: die eigene Bequemlichkeit. Denn die Vorteile von Facebook kommen nur zur Geltung, wenn sich die Nutzer aktiv darum bemühen. Wer nur gedankenverloren vor sich hin klickt, ist schnell in einer Filterblase gefangen, in der er keine anderen Eindrücke jenseits der eigenen Meinung erlebt – Algorithmus sei Dank.

Doch wer die schönen Seiten von Facebook entdecken will, muss sich öffnen, seine eigene begrenzte Filterblase verlassen und auch mal auf Seiten und Profilen stöbern, die dem eigenen Weltbild bisher fern waren. Dann ist Facebook ein Abbild der Gesellschaft mit all ihren Facetten und vielseitigen Einstellungen. Diese Filterblase zu durchbrechen ist anstrengend und kann nervenzehrend sein, doch es ist lohnenswert: Denn plötzlich öffnet sich die Welt. Der Nutzer entdeckt bisher unbekannte Veranstaltungen in seiner Gegend, liest Statements Andersdenkender, lernt alternative Lebensmodelle kennen, erfährt, wie man die Welt auch noch sehen kann, oder entdeckt durch geteilte Inhalte neue Interessen. Wer die Auseinandersetzung nicht scheut und sich von einer Unmenge asozialer Trolle nicht aus dem Konzept bringen lässt, kann auf Facebook zu einem weltoffeneren Menschen werden.

All diese Aspekte sind ein Grund, Facebook zu schätzen. Dabei hängt vermutlich niemand an Facebook als Marke. Es gibt schlicht keine überzeugende Alternative. Doch sollte eines Tages ein neues soziales Netzwerk – das transparenter mit Nutzerdaten umgeht – den Markt erobern, könnte es schnell schwarz werden in der blauen Welt von Facebook. Denn mangelnde Transparenz im Umgang mit den Nutzerdaten ist der entscheidende Fehler, der an Facebook zu kritisieren ist. Verwirrende Menüs und unverständliche Geschäftsbedingungen sorgen für Misstrauen. Hier ist die Politik gefordert, klare Regeln festzulegen. Denn eigentlich können die Nutzer aus dem Netzwerk etwas ziehen, das stärker ist, als die Hoffnung auf Privatsphäre in einer digitalisierten Welt: nämlich Gemeinschaft. Und schlussendlich liegt es an den Menschen selbst, ob sie diese Gemeinschaft konstruktiv für sich nutzen.

 

Jetzt zier Dich nicht so, macht doch heute jeder – haben sie mir damals gesagt. Nein, es ging nicht ums Nacktbaden, aber um eine andere Art der Entblößung: um die Freigabe meiner privaten Daten bei Facebook. Was in den Ohren der meisten Zeitgenossen erst einmal sehr abstrakt oder gar banal klingt. Aber unterm Strich nichts anderes bedeutet, als dass ich mich vorhersehbar und manipulierbar mache. Dass mich Unternehmen, politische Parteien oder gar Behörden eindeutig klassifizieren und nach meinen Vorlieben beeinflussen können.

Glauben Sie nicht? Klingt zu sehr nach Verschwörung? Edward Snowden, der Mann, der damals den größten Datenbetrug der Geschichte aufgedeckt hat, wurde zunächst auch nur belächelt. Tatsache ist, dass es die Digitalisierung heute sehr einfach ermöglicht, Milliarden von Datensätzen zu sammeln und auszuwerten. Sie aber auch zu missbrauchen.

Hinter der einfachsten Online-Umfrage, die sehr harmlos daherkommt, stecken komplizierte Algorithmen, die auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten operieren und so Korrelationen, Verbindungen, herstellen und Interpretationen erlauben.

Die Ergebnisse verblüffen, sie treffen fast immer zu. Politische Einstellung, Abneigungen, (sexuelle) Vorlieben und Gewohnheiten der User fließen in individuelle strategische Marketingkonzepte ein. Und da sind dann schon mal – wie bei Facebook zur US-Wahl geschehen – auch gefälschte Nachrichten dabei. Wenn ein ohnehin etwas ängstlicher oder vorsichtiger User immer wieder lesen muss, dass die Sicherheit auf unseren Straßen gefährdet ist, tendiert er in seinen Entscheidungen stärker zu Recht, Gesetz und hartem Durchgreifen. Oder beim Thema Flüchtlinge zur Grenzsicherung. Und trifft seine politische Wahl.

Und weil Facebook gleich die (Gesinnungs)-Genossen seiner User mitliefert, haben auswertende Unternehmen wie Cambridge Analytica schnell relevante Datenmengen zusammen. Die sie dann wiederum an interessierte Unternehmen und Parteien verkaufen können.

Anfänglich war diese Gefahr nicht offen präsent. Da waren wir ahnungslos und naiv. Wir haben unsere Daten offengelegt, und manche haben die versteckten Einstellungen für die Privatsphäre bis heute nicht entdeckt. Auch ich bin recht früh Facebook-User geworden. Weil die Plattform Meinungsvielfalt und Pluralismus verhieß. Aber genau dieses Versprechen hat sich ins Gegenteil verkehrt: Facebook-User bleiben unter Ihresgleichen, gefangen in ihrer Blase, drehen sich im Kreis. Junge Menschen lernen auf diese Weise nicht, mit gegensätzlichen Meinungen umzugehen, Argumente auszutauschen. Das wirkt antidemokratisch. Und genau deshalb hat sich meine Meinung zu Facebook grundsätzlich geändert.

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