Ausstellung

Frankfurter Architekturmuseum würdigt Baukunst in Tiflis

Georgiens Hauptstadt ist erst vor rund 200 Jahren neu aufgebaut worden, erweist sich aber als Schmelztiegel der Architekturstile, von Europa bis Asien. Nur nehmen es die Georgier auch beim Rekonstruieren nicht immer so genau mit den Vorgängerbauten.

Vor bald 1600 Jahren wurde Tiflis gegründet und seither sage und schreibe zwanzigmal zerstört. Zuletzt legten die Perser im Jahr 1795 die georgische Stadt in Schtt und Asche. Es gibt also kein Privathaus, das älter als 200 Jahre ist, aber auch nur wenig ältere öffentliche Bauten, etwa die Reste der Festung aus dem 5. Jahrhundert. Aber schon 1801, kurz nach der letzten Zerstörung, suchten die Georgier neuen Beistand bei ihren christlichen Nachbarn, den Russen, die sich auch nicht lange bitten ließen.

So viel zu den Fakten, die man wissen sollte vor dem Besuch von „Hybrid Tbilisi“, wie das Deutsche Architektumuseum in Frankfurt (DAM) seine neue Ausstellung nennt, die bis 13. Januar läuft – Tbilisi ist der georgische Namen für Tiflis. Georgien steht derzeit im Fokus der Kulturwelt als diesjähriges Gastland der Frankfurter Buchmesse. Mit gutem Grund konzentriert sich die Schau auf die Landeshauptstadt, denn von den 3,7 Millionen Georgiern leben allein 1,2 Millionen in Tiflis.

Ohnehin stellt jede Hauptstadt gern Macht, Ansehen und Wohlstand demonstrativ zur Schau. So vereint Tiflis den stalininischen Klassizismus und die folgenden spätsowjetischen Experimente, die verfallenen Paläste früherer Zeiten und die Museen oder Verwaltungsbauten europäischer Architekten. Allein 300 mehr oder weniger gut erhaltene Jugendstil-Bauten gibt es in Tiflis, schätzt DAM-Chef Peter Cachola Schmal, der die Stadt intensiv durchstreift hat – das kleine Haus im Haus in der dritten Museumsetage quillt fast über von den vielen Fotos.

Im Zentrum der Schau steht jedoch die Stadtgeschichte der letzten 100 Jahre, von der frühen Sowjetzeit 1920 bis zu vier jungen und vielversprechenden Architekturbüros. All das wird an vielen Farbfotos und kurzen Texten illustriert, die Schau ist also gut in einer Stunde zu schaffen. Vor allem die Fotos aus der Zeit um 1930/40 zeigen die wilde Bauphase unter Stalin, die als „Modernisierung“ verkauft wurde, tatsächlich aber ein Wettkampf mit dem Westen um die prächtigeren Bauten war. Das Projekt leitete der Geheimdienstler Lawrenti Beria, der sich als studierter Architekt seinen Traum einer italienischen Stadt in Tiflis baute. Beria stammte aus Georgien, wie Stalin.

Weitaus interessanter ist die späte Sowjetzeit der 60er bis 80er Jahre mit ihren expressiven Experimenten. Der bekannteste Bau ist das einstige Ministerium für Straßenbau, ein spektakulärer Wolkenbügel auf Pfeilern, dessen Greifarme in der Luft zu schweben scheinen. Ein brutalistisches Vorzeigeprojekt von 1975, das auch im Westen für Aufsehen sorgte. Später, seit dem Ende der Sowjetunion ging es drunter und drüber; jeder baute, was und wie er wollte. Davon zeugen die „Kamikaze-Loggias“, die an Plattenbauten angedockt wurden, damit die Wohnung einen Raum mehr hat, der als Schlafzimmer oder Balkon dient. Verboten hat das damals niemand, nachgemacht aber fast jeder.

Seither wird rasant gebaut, wie die Schau belegt. Ganze Straßenzüge wurden rekonstruiert, oft unter abenteuerlichen Auslegungen der vorigen Bauten. Jetzt gibt es eine chinesische Pagode, die nie dort stand – da fragt man sich, ob es überhaupt Denkmalpfleger in Georgien gibt. Fast parallel aber, auch unter Präsident Mikheil Saakashvili (2004-12), wurden international renommierte Architekten ins Land geholt. Darunter das Berliner Büro „Graft“, das ein altes sowjetisches Promihotel umbaute.

Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. realisierte sogar 13 Großprojekte innerhalb von nur sieben Jahren, vom Flughafen über eine Polizeistation bis zu Autobahnraststätten. Letztere dienen nicht nur als Tankstelle und Café, sie haben auch einen Markt für Kunsthandwerk, Ausstellungsräume für Kultur der Region und einen Supermarkt. Ein Ziel ist das also auch für Touristen und für Einheimische, die sich mit Lebensmitteln versorgen – ein kluger Schachzug von Mikheil Saakashvili.

Zwar wechseln seither rasch die Präsidenten, doch das Bauen hat weiter Vorrang. Allemal interessant sind die Ideen der vier heimischen Büros, die mit viel Witz die georgische

Liebe zum Dekor

aufgreifen. Sebo & Dito etwa haben in die renovierte Straße einen Betonbau eingeschmuggelt, zwar mit den üblichen Verzierungen. aber als Negativabdrücke im Beton. Der Dekor kommt quasi aus der Sandkastenform – frecher geht’s nimmer.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt, Schaumainkai 43, Eröffnung am heutigen Freitag um 19 Uhr. Dann bis 13. Januar 2019, geöffnet Di und Do-So 11–18 Uhr, Mi 11–20 Uhr. Eintritt: 9 Euro. Katalog: 28 Euro. Telefon (069) 21 23 88 44. Internet: www.dam-online

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare