Ausstellung

Das Frankfurter Architekturmuseum zeigt, wie sich die Frankfurter Altstadt seit 1900 wandelte

Die Präsentation dokumentiert anschaulich, dass es „die Altstadt“ gar nicht gibt, denn fast alle Häuser wurden über die Jahrhunderte zigfach verändert. Beim Streifzug durch 120 Jahre kommt aber die neue Altstadt zu kurz. Nur der Katalog bietet da Hilfe.

Alle Bedenken halfen nichts, auch nicht der Einwand des Publizisten Walter Dirks: „Das Haus am Hirschgraben ist nicht durch einen Bügeleisenbrand oder einen Blitzschlag oder durch Brandstiftung zerstört worden; es ist nicht ,zufällig‘ zerstört worden.“ Doch als Dirks das 1947 schrieb, war bereits mit der originalgetreuen Rekonstruktion des 1944 zerbombten Goethehauses begonnen worden – und noch heute zieht es die Touristen an, vor allem aus Asien. Ähnlich wird es der neuen Frankfurter Altstadt ergehen, die bald offiziell eröffnet wird.

Erst vor elf Jahren entschieden, sind die Häuser jetzt bezugsbereit und locken schon seit Wochen die Neugierigen an. Es geht um 35 Bauten, davon 15 Rekonstruktionen und 20 mehr oder weniger moderne Nachempfindungen der typischen Altstadt. Kostenpunkt: 200 Millionen Euro – viel Geld für nur 80 Wohnungen und 30 Läden oder Restaurants zwischen Römer und Dom. Die Kritik ist zwar nicht verstummt, aber sachlicher geworden, denn viele haben sich mit den auf alt getrimmten Bauten abgefunden und finden teils sogar Gefallen daran.

Auch Peter Cachola Schmal, dem Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt (DAM), erging es so, wie er jetzt in der neuen Ausstellung seines Hauses einräumt. „Die immer Neue Altstadt. Bauen zwischen Dom und Römer seit 1900“, so der Titel der bis 10. März laufenden Schau, bietet auf den Außenwänden viele Zitate – der beste Einstieg für den klugen und erhellenden Rundgang. Alle Meinungen sind vertreten, vom Vergleich mit Disneyland bis zur Phrase „Die Bürger haben ein Recht auf Fachwerk“. Auch Schmal prangerte das Projekt vor drei Jahren als „großen Fehler“ an, heute meint er: „Die neue Altstadt ist besonders stadträumlich gelungen.“

Doch Schmal sieht auch den Tourismus-Faktor: Frankfurt knackt bald die Zahl von zehn Millionen Übernachtungen, ist aber noch weit weg von Berlin (24), Paris (36) und London (57). Freilich ist die Altstadt ohnehin nur „eine Fiktion“, meint Kurator Philipp Sturm; sie wird ständig umgebaut, erweitert, renoviert, mitunter auch abgerissen – und sie wird „immer neu erzählt“, so Sturm.

Als 1905 in der Innenstadt ein Durchbruch für die Straßenbahn nötig war, fielen ihm hundert alte Fachwerkhäuser zum Opfer, viele davon allerdings sehr marode. Das geschah ohne viel Aufruhr. So ist die Geschichte der Frankfurter Innenstadt eine endlose Reihe von Bauwettbewerben, zuerst um das enge Wohnen hygienischer zu machen, später vertrieben die Nazis ihre Gegner aus günstigen Häusern.

Nach der Zerstörung der Altstadt durch Bomben wagte man sich lange nicht an eine Neubebauung, ließ die Mitte brach liegen und baute eher an den Rändern. Der größte Sündenfall war 1974 der Betonklotz des Technischen Rathauses; nicht viel besser war 1983 die mit Fachwerk überladene Rekonstruktion der Ostzeile des Römerbergs. Wenig später entstand die postmodern gekurvte Schirn Kunsthalle, an die sich aber wegen ihrer Ausstellungserfolge niemand herantraut. Doch mit dem Rathaus war ein hässlicher Bau gefunden. Er fiel 2005, und bald darauf das ähnlich brutalistische Historische Museum.

Mit diesen und vielen weiteren Beispielen aus 120 Jahren zeigt die Schau ausführlich den langen Weg zur neuen Altstadt, einem Projekt, zu dem die Politiker mehr getrieben wurden, als ihnen lieb war. An wenigen Bauten wird auch gezeigt, dass sich im Lauf der Jahrhunderte oft die Zeitschichten vermischen. Für welchen Bauzustand entscheidet man sich bei einer Rekonstruktion? Für den ältesten oder den schönsten? In der Braubachstraße, am Hof „Zum Rebstock“, war der Zustand von 1944 am besten dokumentiert, ein Bau im sogenannten Heimatschutzstil. Doch die Architekten wollten kein Haus aus der Nazizeit aufbauen – mit dem Ergebnis, dass nun ein Epochenmix zu sehen ist, vom barocken Giebel bis zum Fachwerk.

Mehr dieser aufschlussreichen Beispiele wünscht man sich in der Schau, um die neu geschaffene Altstadt besser zu verstehen. Leider leistet nur der Katalog diese Vermittlungsarbeit, auf immerhin 60 sehr kritischen, teils auch zustimmenden Seiten.

Schon das „Empfangsgebäude“ der Altstadt, das Haus „Zu den drei Römern“ direkt neben dem Kunstverein, hat viel Witz mit seinem Zeitsprung von den Renaissancebögen im Erdgeschoss zu den Übereckfenstern darüber aus den 1920er Jahren. Wie wär’s also mit einem Sonderdruck der 60 Seiten?

„Die immer neue Altstadt“

Deutsches Architekturmuseum,

Frankfurt, Schaumainkai 43. Eröffnung am heutigen Freitag um 19 Uhr.

Dann bis 10. März 2019, Di und Do

bis So 11–18 Uhr, Mi 11–20 Uhr.

Eintritt 9 Euro. Katalog 48 Euro. Telefon (069) 21 23 88 44.

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