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Um den Rhein und den Loreley-Felsen ranken sich viele deutsche Mythen. Die Künstlerin Petra Johanna Barfs möchte sich von den Geschichten und Menschen inspirieren lassen. Foto: Thomas Frey/dpa

Kultur-Tour

Frankfurter Künstlerin will mit dem Kajak dem Rhein-Mythos auf die Spur kommen

Fünf Wochen Zeit nimmt sich die Künstlerin, um einen Teil des Rheins zu befahren. Sie will Land und Leute kennenlernen, Geschichten über den Fluss hören. Ihr politisches Interesse ist auch in ihrer Biografie begründet.

Sie hat viel vor: In Mainz startet sie am Wochenende 7./8. Juli, dann 530 Kilometer im Einerkajak bis Rotterdam. Die in Frankfurt lebende Künstlerin Petra Johanna Barfs will täglich 30 Kilometer fahren, für die sie wegen der starken Strömung drei bis vier Stunden veranschlagt. Sie ist die erste Künstlerin, die solch ein Rheinprojekt realisiert. Für die Reise lässt sich die 44-Jährige rund fünf Wochen Zeit von der Mainzspitze, wo der Main in den Rhein fließt, bis Hoek van Holland bei Rotterdam, wo der Rhein in die Nordsee mündet.

Die Zeit wird die Künstlerin brauchen, denn sie will auch „das Land und die Menschen kennenlernen und ihre Geschichten hören, vor allem über den Rhein.“ Feste Strecken plant sie nicht, sie lässt alles offen, „weil mir das sonst wie eine Dienstreise vorkäme. Ich will mich auf den Rhein und seine Besonderheiten einlassen, es ist eine Entdeckungsreise. Einen großen Teil dieser künstlerischen Arbeit macht ja – neben Mythen, Geschichte und Landschaft – die Reise auf dem Rhein aus, die körperliche und geistige Anstrengung, ihn zu befahren, das Navigieren mit dem Kajak. Nur so kann ich die Eigenarten des Flusses verstehen.“

Auch wenn solch ein Seekajak erstaunliche 5,20 Meter lang ist, wird Petra Johanna Barfs das Paddeln und Navigieren nicht so schwerfallen. Denn sie hat oft auf dem nahen und ruhigeren Main trainiert, dafür stromaufwärts. Der Rhein jedoch hat eine andere Strömung, „gerade am lieblichen Mittelrhein wird er zum reißenden Fluss“ – aber das hat die Künstlerin bereits auf einer Testfahrt bewältigt. Ohnehin treibt sie viel Sport, sie läuft, schwimmt und fährt leidenschaftlich gerne Rennrad: „Mir ist die Naturerfahrung wichtig. Viele meiner künstlerischen Arbeiten wären nicht entstanden, wenn ich nicht so oft in der Natur wäre.“

Petra Johanna Barfs malt, zeichnet und fotografiert, aber im Zentrum stehen ihre Collagen. Und Themen wie Geschichte, Heimat und Identität, die sie schon lange beschäftigen. Die gebürtige Ostfriesin lebt seit 18 Jahren in Frankfurt, seit ihrem Aufbaustudium für elektronische Medien an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und ihrem Gaststudium in der Filmklasse an der Städelschule. Zuvor hatte sie Kunst im niederländischen Groningen studiert, wo sie von Kollegen und Professoren „oft mit der deutschen Geschichte konfrontiert wurde, manchmal humorvoll, manchmal ernst“.

Doch das Interesse an Politik gründet noch tiefer, die Künstlerin stammt aus einer politisch rührigen Familie: „Mein Großvater war sehr an deutscher Geschichte interessiert. Als Bürgermeister einer kleinen Stadt an der ostfriesischen Küste hatte er sich nach dem Krieg für die Flüchtlinge eingesetzt und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Als kleines Mädchen habe ich ihn sehr bewundert.“

Heute will die Künstlerin mit ihren Werken „ein möglichst komplexes Bild schaffen. Darin spielt die dunkle Seite des Menschen eine Rolle“, wie etwa in ihrer Serie über den „Bund Deutscher Mädel“zu sehen war. Auffällig ist auch, dass ihre Collagen oft zwei Motive enthalten, getrennt durch einen deutlichen Riss. Die Collage ist wie „ein angehaltener Film, um den entscheidenden Moment einzufrieren und wirken zu lassen“, erläutert sie.

Parallel zur Politik setzt sie sich mit der Natur als idealisierten Ort auseinander. Als sie vor fast zehn Jahren ein Stipendium im niederrösterreichischen Krems hatte, nutzte sie die Chance für viele Wanderungen, beschäftigte sich aber auch mit der dortigen NS-Zeit. Vor allem sprach sie mit Menschen, die diese Zeit noch erlebt haben; besonders die weibliche Hitlerjugend interessierte sie. Daraus hat sie später einen Werkzyklus gemacht und ihn mit ihren Bergwanderungen verbunden: „Für meine Arbeit sind beide Erfahrungen wichtig, der Mensch mit seinen Geschichten und die Natur. Im besten Falle wird daraus eine gelungene Arbeit, die beide Seiten in sich trägt.“

Die Idee zu der Rheinfahrt kam ihr, als sie vor einem Jahr das erste Mal auf dem Fluss war: „Das Fahren auf dem Rhein mit den vielen Sinneseindrücken hat mich überwältigt, vor allem die vielen Schiffe, da muss man sehr aufmerksam sein. Auch die Landschaft ändert sich mit den Weinbergen und Burgen am Mittelrhein, den Industriebauten am Niederrhein und der kargen Landschaft bis zur Nordsee. Diese Veränderungen nimmt man intensiver bei einer langsamen Fortbewegung wahr. Ich gehe als Künstlerin immer in die Tiefe, will möglichst alles verstehen und wenn ich etwas selbst erfahre, finde ich die besten Bilder.“

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