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Der deutsche Bass-Bariton Thomas Quasthoff hat sich dem Jazz verschrieben und vermisst die Klassik nicht.

Jazz-Album „Nice ’N’

Interview mit Bariton Thomas Quasthoff: „Null, null, null!“

Der Titel von Thomas Quasthoffs drittem Jazzalbum, das an diesem Freitag erscheint, sagt schon alles: Auf „Nice ’N’ Easy“ verströmt der 58-jährige Wahlberliner entspannten Wohlklang zwischen Jazz, Swing und Pop. Ein Interview.

Zusammen mit der Bigband des NDR, seinem aus Frank Chastenier (Piano), Dieter Ilg (Bass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) bestehenden sowie in einigen Stücken von Trompeter Till Brönner verstärkten Trio, widmet sich der Bassbariton Klassikern wie „Stardust“, „Cry Me A River“ oder „Imagine“. Steffen Rüth sprach mit einem bestens gelaunten Thomas Quasthoff auf seinem Balkon am Berliner Schlachtensee.

„Nice ’N’ Easy“ heißt Ihr neues Album. Warum?

THOMAS QUASTHOFF: Der Titel ist Programm. Die Stimmung, die das Album abbildet, ist eine wunderbar entspannte und gelöste. Mir war wichtig, dass die Platte wirklich nach Jazz klingt und nicht nach Crossover. Sie sollte grooven.

Sie haben 2006 Ihr erstes Jazzalbum veröffentlicht, 2010 das zweite und jetzt „Nice ’N’ Easy“. Woher kommt Ihre Liebe zum Jazz?

QUASTHOFF: Von meinem Bruder Michael. Der war zwei Jahre älter als ich und in seinem Geschmack auch immer zwei Jahre weiter. Ich hatte seit meinem 13. Lebensjahr klassischen Gesangsunterricht, meine Eltern haben mich sehr gefördert und unterstützt, und ich hörte eigentlich alles. Als mein Bruder Jazz entdeckte, fand ich das direkt cool: Charlie Parker, John Coltrane.

Wie haben Sie die Auswahl für Ihr Album getroffen?

QUASTHOFF: Rein nach Geschmack. Ich habe alle diese Stücke sehr gern.

Sie singen auch John Lennons „Imagine“, das sticht heraus.

QUASTHOFF: „Imagine“ ist das einzige Stück auf der Platte, das ich schon oft gesungen habe. Kitschnummer hin oder her, das Lied berührt die Leute überall auf der Welt. Wir Menschen brauchen Utopien und Hoffnung. Dieses Säbelrasseln von Trump, Putin und anderen, das hilft nicht weiter. Politik sollte deeskalierend sein. Trump ist in meinen Augen ein Idiot, und Putin ist in keinster Weise besser.

Sind Sie Mitglied einer Partei?

QUASTHOFF: Um Gottes Willen, nein! Ich lasse mich vor keinen politischen Karren spannen. Sagen wir so: Konservativ bin ich ganz sicher nicht.

Sie konnten überhaupt nichts anderes werden als Sänger, oder?

QUASTHOFF: Wenn Sie so eine schwere Behinderung haben wie ich, dann liegt dieser Beruf nicht unbedingt nahe. Musik hat ja doch relativ viel mit einer oberflächlichen Ästhetik zu tun, und ich glaube schon, dass eine Helene Fischer auch deshalb so viel Erfolg hat, weil sie ganz hübsch anzusehen ist. Ich glaube auch, dass ein Till Brönner mehr CDs verkauft, weil er so aussieht, wie er aussieht. Letztlich zählt aber das, was du kannst.

Hat Sie die Behinderung anfangs ehrgeiziger gemacht?

QUASTHOFF: Nein. Ich glaube, meine Behinderung hat mit meiner Karriere relativ wenig zu tun.

Wie geht das zusammen, gleichzeitig Perfektionist und ein eher entspannter Typ zu sein?

QUASTHOFF: Was ich mache, das möchte ich auch gut machen, logisch. Dabei bin ich aber eher ein fauler Mensch. Ich bin gern zu Hause. Ich bin jetzt 58 und führe eine ausgesprochen glückliche Ehe mit meiner Frau Claudia, ich habe eine zauberhafte Stieftochter und muss sagen: Viel mehr brauche ich im Leben nicht mehr. Die Familie ist mir wichtiger als alles andere.

Vermissen Sie die Klassik also nicht?

QUASTHOFF: Null, null, null. Die Klassik fehlt mir überhaupt nicht.

2012 verkündeten Sie Ihren Rücktritt als klassischer Sänger. Was war damals genau der Grund?

QUASTHOFF: Mein Bruder erkrankte an Krebs. Er klagte über Rückenschmerzen, irgendwann ging er doch ins Krankenhaus, aber da war die Krankheit schon zu weit fortgeschritten, als dass noch Hoffnung bestanden hätte. Zwei Tage nach dieser Diagnose war meine Stimme weg. Das Schlimme war: Es ließ sich körperlich nichts feststellen. Das kam wirklich alles vom Kopf. Mein Bruder und ich, wir hatten immer ein außergewöhnlich gutes Geschwisterverhältnis.

Und dann?

QUASTHOFF: In der klassischen Musik wird lange im Voraus geplant, ich wollte nicht immer wieder absagen, und ich konnte auch die Frage „Was meinst Du denn, wann es wieder geht?“ nicht mehr hören. Ich wusste es nicht. Vielleicht würde ich auch nie wieder singen können. Irgendwann gab es für mich nur noch die eine Konsequenz: Ich höre mit der Klassik auf. Mein Inneres war sowieso schon länger nicht mehr hundertprozentig dabei gewesen. Meine Psyche und mein Körper hatten mir zu verstehen gegeben „Es ist jetzt gut“.

Und dann kam die Stimme plötzlich zurück?

QUASTHOFF: Plötzlich nicht. Sondern langsam, Stück für Stück. Ich glaube, die Zeit heilt tatsächlich Wunden.

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