Hans Block und Moritz Riesewieck

Interview mit Filmemachern von The Cleaners" : „Manchmal wird das Falsche gelöscht“

Die beiden Filmemacher zeigen jene Menschen, die im Auftrag von Online-Konzernen das Netz von Hass und Kinderpornos reinigen und dabei jede Menge Schmutz zu sehen bekommen.

Wer sorgt dafür, dass im Internet auf Plattformen wie Facebook nur Bilder und Filme zu sehen sind, die möglichst niemanden verstören? Dieser Frage gehen Hans Block und Moritz Riesewieck in „The Cleaners“ auf den Grund. Fündig wurden die beiden Dokumentarfilmer, die sich von ihrem Studium der Theaterregie an der Ernst-Busch-Schauspielhochschule Berlin kennen, in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Beauftragt von amerikanischen Großkonzernen, arbeiten hier in Subunternehmen tausende von Content Moderatoren. Tagtäglich entscheiden diese schnell angelernten Arbeitskräfte, welche Beiträge im Netz stehen bleiben dürfen und welche nicht. Dabei werden sie mit einer Flut von oft grausigen Bildern sowie mit allen erdenklichen Formen von Sex, Krieg und sonstiger Gewalt überschwemmt. Thomas Ungeheuer sprach mit Hans Block und Moritz Riesewieck, beide Jahrgang 1985, über ihren Film „The Cleaners“.

Herr Bock, Herr Riesewieck, Sie sind nach Manila gereist, um sich die Arbeitsweise der Content Moderatoren anzusehen. Wie gut konnten Sie nachvollziehen, was sie tun?

MORITZ RIESEWIECK: Als uns ein Content Moderator zum ersten Mal zeigte, wie er arbeitet, durchwirbelte er in einem Affenzahn hunderte Bilder und Videos, sodass uns fast schwindlig wurde. Wir konnten dabei gar nicht nachvollziehen, warum er sich entschlossen hatte, Bilder oder Videos zu löschen, oder auf der Plattform stehen zu lassen. Aber uns wurde hier klar, wie wenig objektiv und wie sehr personengebunden diese Entscheidungen sind, die in paar Sekunden gemacht werden. Und das täglich tausende Male am Tag.

Welche Beiträge sollten Ihrer Meinung nach gelöscht werden?

RIESEWIECK: Alles, was mit verschiedenen Formen von Missbrauch zu tun hat, wie der von Kindern. In diesem Sinne auch das, was wegen Form und Inhalt üblicherweise strafrechtlich verfolgt wird. Dazu gehört natürlich terroristische Propaganda. Schwieriger wird es jedoch, wenn es um Gewalt in einem Video geht. Wenn es zu gewaltsam ist, stellt sich die Frage: Wird hier Gewalt verherrlicht? Nach dem Regelwerk eines Content Moderators muss es dann gelöscht werden. Dabei kann es oft passieren, dass Beiträge mit Nachrichten- und Aufklärungswert verschwinden. Wir zeigen in unserem Film eine Organisation, die Kriegsunrecht dokumentiert, indem sie Handy-Videos von Syrern auswertet. Den Menschen in Syrien ist mit Facebook die einzige Plattform geblieben, auf der sie der Welt zeigen können, was in den Kriegsgebieten geschieht. Viele Journalisten haben nicht mehr die Möglichkeit, vor Ort zu berichten. Andere Medien sind gleichgeschaltet oder abgeschafft worden.

Eine Karikatur von US-Präsident Donald Trump, die ihn als nackten Mann zeigt, wird jedoch ebenfalls von einem Content Moderator gelöscht.

HANS BLOCK: Ja, hier kommt sehr deutlich der kulturelle Hintergrund der Männer und Frauen zum Vorschein, die darüber entscheiden, was im Netz stehen bleiben darf. Über 90 Prozent aller Menschen auf den Philippinen sind katholisch. Natürlich haben sie ein anderes Verhältnis zu Nacktheit und Sexualität. Eine harmlose Zeichnung, auf der der US-Präsident mit einem kleinen Penis zu sehen ist, für uns ganz klar als Kunst erkennbar und vor allem humorvoll gemeint, stößt da auf ein komplett anderes Weltbild. Hier wird gesagt: Nacktheit auf den sozialen Plattformen ist nicht akzeptabel, deswegen muss das Bild gelöscht werden.

Wie hoch schätzen Sie das Bildungsniveau der Content Moderatoren ein, denen Sie begegnet sind?

BLOCK: Die Inhalte der ganzen Welt einordnen zu können und anschließend darüber zu entscheiden, ist schlichtweg unmöglich, erst recht, weil die Arbeiter und Arbeiterinnen oft gerade mal Anfang zwanzig sind und das oftmals ihr erster Job ist. Die Philippinen sind ein Entwicklungsland. Viele Menschen verdienen sich dort wenige Cents mit Müllsammeln. Natürlich gilt es somit als Prestige, für ein bis drei Dollar die Stunde in einem großen, sauberen Büro mit Klimaanlage zu arbeiten.

Werden die Moderatoren bei all dem psychologisch unterstützt?

BLOCK: Nein, eine solche Unterstützung gibt es nur in den seltensten Fällen. Diese Leute müssen einen Vertrag unterschreiben, in dem sie zum absoluten Schweigen gezwungen werden. Wobei es doch extrem wichtig wäre, dass sie mit anderen über ihre Arbeit reden, um das zu verarbeiten, was da täglich auf sie einprasselt. So fressen sie alles in sich hinein. Und das hat dementsprechend drastische Folgen, wie beispielsweise Selbstmord.

RIESEWIECK: Aber es gibt auch jene, die alles, was sie an Schrecklichem Tag für Tag sehen, verdrängen und sagen: Ich will mich auf das Schöne im Leben konzentrieren. Erst wenn man sie beim Feiern und Trinken beobachtet, ahnt man, was sich hinter ihrer Party-Attitüde verbirgt. Ebenso haben wir eine Moderatorin getroffen, die sich nicht mehr in Menschenmengen traut. Sie kann nicht mit der U-Bahn fahren. Durch die ganzen Terrorvideos hat sich ihr Blick auf die menschliche Natur so verschoben, dass es sie ängstigt, in die Nähe von Menschen zu treten.

The Cleaners

Vom 17. Mai an in den Kinos. Am 18. Mai, 18.30 Uhr, mit Moritz Riesewieck in der Frankfurter Harmonie.

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