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Die neuen Lieder klingen ziemlich traurig: Sophie Hunger hat gerade eine gescheiterte Liebe hinter sich.

Sängerin im Gespräch

Interview mit Sophie Hunger: „Ich bade gern in meinem Schmerz“

Seit zehn Jahren veröffentlicht die Berner Diplomatentochter Sophie Hunger kluge, geschmackvolle Alben, mit denen sie ihren ganz eigenen Klangkosmos aus Folk, Jazz, Soul und Pop geschaffen hat. Auf ihrem sechsten Album „Molecules“, das in der kommenden Woche erscheint, ist vieles anders geworden,

Die Schweizerin Sophie Hunger (35), die seit drei Jahren überwiegend in Berlin lebt, hat den Sound des Synthesizers und die elektronische Musik für sich entdeckt. Sie singt dieses Mal durchweg auf Englisch. Die Texte, die sich auf „Molecules“ vorrangig um eine gescheiterte Liebe drehen, sind weniger verschroben, sondern klarer und direkter als bisher. Steffen Rüth hat mit Sophie Hunger gesprochen.

Frau Hunger, haben Sie sich mit „Molecules“, wie man so schön sagt, neu erfunden?

SPOPHIE HUNGER: Ja, ich habe soundmäßig ganz was anderes gemacht als vorher. Ich bin nach dem letzten Album „Supermoon“ nach Los Angeles gegangen und habe dort Kurse an einer Schule für Software und Aufnahmetechnik belegt. Und habe das neue Album fast ausschließlich am Computer erarbeitet, mit Synthesizer, Drum-Computer, Stimme und Gitarre.

Warum?

HUNGER: Ich neigte dazu, ein Hans Dampf in allen Gassen zu sein, mal Jazz, mal Chanson, mal Pop. Wenn man böse ist, kann man sagen, mein Stil war etwas unverbindlich. Also habe ich klare Anweisungen an mich selbst gegeben.

Ist es schwer, sich selbst zu gehorchen?

HUNGER: Nein. Ich habe einen großen Spieltrieb. Und ich habe so eine protestantische, calvinistische Arbeitsethik. Wenn ich drei Tage nichts mache, bekomme ich sofort Schuldgefühle. Das ist schon ein bisschen gestört. Kommt halt von der Erziehung.

Hat Berlin Sie verändert?

HUNGER: In Berlin ist Scheitern ja schon fast Programm. Oft denke ich: „Was ist los mit dir? Guck dir doch die anderen an, denen ist es doch auch egal, dass sie schon wieder drei Jahre nichts gemacht haben.“ Ich bin ja eher der Typ: „Mach was aus deinem Tag und verschwende nicht deine Zeit“. Berlin hat ganz sicher meine Musik beeinflusst. Es ist ein Klischee, aber auch eine Tatsache, dass Berlin praktisch nur elektronische Musik hervorbringt. Eine Bandszene ist quasi nicht existent. Was ich an Berlin sehr liebe, ist der subversive, geistige Widerstand, der hier immer noch herrscht. Mir fällt auf, wie viele Leute hier gegen den Trend leben und eben nicht versuchen, schneller, stärker, effizienter, besser zu sein als die anderen. Sich diesem Diktat zu widersetzen, das finde ich richtig gut. Auch das Schnoddrige der Berliner mag ich sehr.

Tun Sie in Berlin Dinge, die Sie vorher nicht getan haben?

HUNGER: Ich habe hier das Theater für mich entdeckt. Aber ich verbringe auch viel Zeit im Park beim Fußballspielen – und viel zu viel beim Alkoholtrinken.

Sind Sie ein extremer Mensch?

HUNGER: Ich denke schon. Mein großes Glück ist es, als Musikerin in dieser Blase zu leben, in der ich alles alleine anschieben und machen kann. Ich bin sehr selbständig, niemand redet mir rein.

Die Texte sind ganz schön traurig, speziell jene von „That Man“ oder „There Is Still Pain Left“. Ist „Molecules“ ein Trennungsalbum?

HUNGER: Ja, das muss ich zugeben. Das Songschreiben war schon sehr stark verknüpft mit meiner Situation. Wenn ich die Lieder jetzt höre, denke ich manchmal, dass es ein bisschen sehr pathetisch klingt. Ich weiß nicht, wie andere Leute das machen, für mich ist Liebe immer etwas Extremes. Es gibt nichts an der Liebe, das sachlich wäre.

War das Songschreiben eine Art Trennungstherapie?

HUNGER: Nein, überhaupt nicht. Die Vorstellung vom Songschreiben als Therapie finde ich entsetzlich. Das Schreiben macht alles noch viel schlimmer. Weil du dich so schön reinlegst in den Schmerz und darin badest. Bei mir jedenfalls bestand eher der Wunsch, noch länger in diesem Gefühl des gebrochenen Herzens verbleiben zu können.

Auf „Let It Come Down“ klingen Sie wie Sade. Ist Ihnen das bewusst?

HUNGER: Inzwischen ja, weil mich viele auf Sade angesprochen haben. Ein direkter Einfluss war sie aber nicht.

Was bricht in dem Song zusammen?

HUNGER: Das Leben. Ich wollte das Gefühl einfangen, wie es ist, wenn das ganze System zusammenfällt. Und du dann auf den Ruinen etwas Neues aufbaust. Fall und Erhebung, mich fasziniert beides.

Sind Sie Feministin?

HUNGER: Ich werde immer feministischer. Mit Reife und Lebenserfahrung siehst du Sachen, die dir früher nicht auffielen. Du siehst, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht angemessen präsentiert sind. Irgendwann stellst du fest, dass die Straßen nach Männern benannt werden, dass in der Zeitung viel mehr über Männer als über Frauen geschrieben wird. Das nervt.

Was tun Sie dagegen?

HUNGER: Ich fange bei mir selbst an. In meiner Band gibt es jetzt knallhart eine Quote. Wenn ich neue Leute für die Band suche, dann müssen das Frauen sein, damit es ausgeglichen wird.

Haben Sie selbst als Frau mehr kämpfen müssen als Männer?

HUNGER: Ich habe gemerkt, wie naiv ich war, zu denken, nur weil ich es geschafft habe, ist es nicht schwer. Das stimmt aber nicht. Ich hatte Glück und Privilegien. Erst wenn die Gleichberechtigung für die breite Masse erreicht ist, ist das Problem gelöst.

Wollen Sie Vorbild sein?

HUNGER: Nein. Ich will, dass wir Frauen uns gegenseitig helfen und solidarisch sind.

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