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Als wäre die Geige ein Teil von ihm ? im Konzert ist David Garrett eins mit seinem Instrument.

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Interview mit Star-Geiger David Garrett: „Applaus ist keine Messlatte“

David Garrett geht im Mai 2019 zusammen mit seiner Band auf Crossover-Tournee. Mit dabei: die Neue Philharmonie Frankfurt. Olaf Neumann sprach mit dem Deutsch-Amerikaner (38).

Herr Garrett, Sie gelten als einer der erfolgreichsten Violinisten der Welt. Was ist für Sie „Erfolg?“

DAVID GARRETT: Erfolg ist, wenn die Qualität stimmt. Ich habe Konzerte erlebt, bei denen das Publikum ausgerastet ist, aber ich bin deprimiert von der Bühne gegangen, weil ich nicht das abgeliefert habe, was ich kann. Da macht der Applaus auch keinen Unterschied. Im Gegenteil, er zieht einen eher runter. Andererseits hatte ich auch Konzerte mit minimalem Applaus, bei denen ich mit einem Grinsen von der Bühne ging, weil ich genau wusste, dass ich knapp an 100 Prozent dran war. Applaus ist für einen Künstler keine Messlatte.

Sie wurden als Geigenrebell bezeichnet. Gegen wen oder was rebellieren Sie?

GARRETT: Das Gefühl zu rebellieren hatte ich nie. Es kommt vielleicht so rüber, weil ich einer der ersten klassischen Musiker war mit einem Standbein außerhalb der Klassik. Das entspricht nicht der Norm. Und wenn etwas nicht normal ist, dann muss es ja irgendetwas Rebellisches sein. Mit dem Begriff „Rebellion“ kann ich persönlich nicht viel anfangen.

Braucht man einen höheren Level an Intelligenz, um Klassik zu spielen?

GARRETT: Ich habe immer versucht, den Maßstab der Klassik – die technischen Feinheiten und den Sound – in meine Arrangements von Rock- und Popstücken mitzunehmen. Ich wollte immer meine Ausbildung voll ausnutzen und habe nie versucht, irgendetwas leichter für mich zu machen. Im Gegenteil: Wenn ich Crossover spiele, dann will ich die Stücke so arrangieren, dass es auch schwierig wird für den ersten Geiger der Berliner Philharmoniker. Für mich muss es schon ein sehr hohes Niveau haben, sonst kann das ja jeder machen.

Sind Sie in den Crossover-Bereich gegangen, weil das Klassikpublikum langsam ausstirbt?

GARRETT: Ich hatte nie das Gefühl, dass das klassische Publikum ausstirbt. Aber dass man eine neue Generation für irgendetwas faszinieren muss, ist doch ganz klar. Etwas, das Qualität hat, muss man immer mit Leidenschaft bewerben. Dann kann auch nichts aussterben.

Der 74-jährige „Pink-Floyd“-Schlagzeuger Nick Mason behauptet: „Wer als Musiker bei einem Konzert nicht nervös ist, mit dem stimmt etwas nicht“. Hat er recht ?

GARRETT: Ich bin immer noch nervös. Nervosität ist nichts Negatives, obwohl es sicher auch negative Nervosität gibt. Anspannung ist ganz wichtig vor dem Konzert. Andernfalls wäre es einem egal, was man auf der Bühne macht. Es hört mit dem Alter nicht auf.

Fühlen Sie sich auf der Bühne wie ein Rockstar, wenn Sie Songs von „Metallica“ interpretieren?

GARRETT: Ich weiß nicht, ob sich ein Rockstar anders fühlt als jemand, der klassische Musik spielt. Vielleicht ist bei manchen Klassikkünstlern sogar mehr Adrenalin im Körper als bei so manchem Rockstar. Es macht für mich keinen Unterschied, in der Philharmonie zu stehen oder in der O2-Arena.

Welche Rockstars haben Sie persönlich getroffen?

GARRETT: Schon einige. An Slash kann ich mich gut erinnern. Ich traf ihn in Los Angeles in seinem Studio. Er hat mich sehr beeindruckt, weil er ein sehr lieber, ruhiger und besonnener Typ ist. Es gab sicher Zeiten, wo er anders war.

Worüber haben Sie mit Slash geredet?

GARRETT: Über Musik. Über ein Arrangement, das ich für „November Rain“ gemacht habe. Es war ein ganz entspanntes Gespräch. Slash war überhaupt nicht arrogant. Die meisten älteren Musiker aus dem Rock-’n’-Roll-Bereich sind sehr bodenständig.

Die „Rolling Stones“ nehmen angeblich halbe Wohnzimmereinrichtungen mit auf Reisen. Was darf auf einer David-Garrett-Tournee auf keinen Fall fehlen?

GARRETT: Ich habe immer extra Saiten dabei, weil mir ab und zu eine E-Saite reißt. Wenn man so lange durch die Welt getourt ist wie die „Stones“, dann darf man das auch gerne tun. Aber mir reicht es, wenn ich hinter der Bühne Tee und frisches Wasser bekomme. Ein Stuhl wäre auch schön.

Ist es herauszuhören, ob ein Musiker existenziell bei der Sache ist?

GARRETT: Ich merke das bei der Geige, weil es mein Instrument ist. Wenn man ein Stück weit die Konzentration verliert, kann man eine schwierige Phrase nicht gut spielen. Man merkt, ob jemand nicht nur technisch auf einem hohen Niveau spielt, sondern ob er auch mit der Musik agiert. Das sind ganz kleine Nuancen, wenn das Orchester ein Pianissimo hat und der Geiger in dem Moment zu viel gibt, wenn es völlig unnötig ist.

Üben Sie heute noch genauso viel wie in Ihrer Kindheit und Jugend?

GARRETT: Leider Gottes kann ich mir bei meinem Instrument nicht erlauben, weniger zu üben. Ohne ein Fundament von zwei bis drei Stunden am Tag geht es nicht, sonst verliert man seine Fingerfertigkeit und Intonation. Ohne diese Übeeinheiten bleibt das Spiel nicht intuitiv.

Wie anstrengend ist das Spielen körperlich?

GARRETT: Nach zwei Stunden bin ich richtig durchgeschwitzt. Das ist ein Anzeichen, dass es auch eine körperliche Arbeit ist.

Sie mussten dieses Jahr wegen eines Bandscheibenvorfalls viele Konzerte verschieben. Hatte das etwas mit dem Spielen zu tun?

GARRETT: Ja, es ist sicher auch durchs Spielen gekommen. Irgendwann verspürte ich ein Kribbeln und Taubheit in den Fingern. Ich habe dann eine Pause eingelegt und eine Physiotherapie gemacht. Ein Bestandteil davon war die Positionsänderung beim Üben. Man darf eine gewisse Anspannung nicht zulassen.

Fühlt sich das Spielen jetzt anders an?

GARRETT: Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass ich überhaupt kein Zwicken und Zwacken habe. Ich konnte zuletzt nicht mehr spielen. Wenn man über 27 Jahre jeden Tag für mehrere Stunden eine Geige in derselben Position hält, treten irgendwann Anzeichen des Verschleißes auf. Aber ich habe spezielle Übungen gelernt, die den Rücken und die Muskulatur entlasten, so dass das Problem wahrscheinlich nicht wiederkommen wird.

Festhalle Frankfurt

28. Mai 2019, Beginn 20 Uhr.

Karten von 52,45 bis 111,85 Euro

unter Hotline 0 18 06-57 00 70.

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