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Kommentar zu Banken: Ist nach der Krise vor der Krise?

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Was ist los mit Deutschlands Großbanken? Zehn Jahre nach der Finanzkrise, die den deutschen Steuerzahler sagenhafte 68 Milliarden Euro gekostet hat, stehen die beiden führenden Finanzinstitute des Landes schlechter da denn je.

Was ist los mit Deutschlands Großbanken? Zehn Jahre nach der Finanzkrise, die den deutschen Steuerzahler sagenhafte 68 Milliarden Euro gekostet hat, stehen die beiden führenden Finanzinstitute des Landes schlechter da denn je. Im internationalen Konzert spielen Deutsche Bank und Commerzbank bei Profitabilität und Börsenwert nur noch eine Nebenrolle. Führungs- und Strategiechaos, Skandale, kriminelle Machenschaften, eingebrochene Aktienkurse und nun auch noch der Abstieg aus wichtigen Börsen-Indices stehen sinnbildlich für den Niedergang der früheren Schwergewichte auf dem deutschen Bankenmarkt. Sterben die deutschen Finanz-Dinosaurier aus, oder erwachen sie zu neuer Stärke – etwa durch einen Zusammenschluss?

Die Rufe nach einem nationalen Champion werden in Deutschland wieder lauter. Bundesfinanzminister Olaf Scholz formulierte auf dem Frankfurter Banken-Gipfel den Wunsch nach einer starken deutschen Großbank, die die boomende deutsche Exportwirtschaft im Ausland begleiten soll. In diesem Zusammenhang kommen immer wieder Überlegungen einer Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank ins Spiel. Angesichts des aktuellen Fitnesszustandes beider Frankfurter Institute wäre eine schnelle Fusion aber nichts anderes als eine Notoperation mit ungewissem Ausgang. Aus zwei Lahmen würde kein Sprinter entstehen.

Der IWF hängte der Deutschen Bank das Schild „gefährlichste Bank der Welt“ um. Beim jüngsten US-Stresstest ist das einstige Flaggschiff der deutschen Banken als einziges Institut durchgefallen. Kein gutes Omen für einen Neustart auf internationalem Parkett.

Das sieht auch die Wirtschaftsprofessorin Isabel Schnabel so. Das Mitglied des Sachverständigenrates hält gar nichts von der Idee einer neuen deutschen Banken-Großmacht, wie es Finanzminister Scholz wünscht. Die Finanzkrise habe gezeigt, dass gerade große Banken gefährlich seien. Im Unterschied zu den mit vielen Milliarden Dollar zwangskapitalisierten US-Finanzinstituten schleppen Europas Banken noch immer einen riesigen Berg fauler Kredite mit sich herum. Das macht die Geldhäuser anfällig für neue Turbulenzen.

Die Ursachen für den Abstieg der einst so stolzen deutschen Finanzhäuser liegen nicht allein in der Finanzkrise 2008, sondern sind zum größten Teil hausgemacht: Missmanagement, Führungschaos, Vertrauensverlust. Der wirtschaftliche und moralische Niedergang der Deutschen Bank sei ein lehrreiches Beispiel dafür, was passiere, wenn ein Unternehmen vorschnell eine angelsächsische Kultur übernehme, die nicht wirklich passe, urteilte der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. Er spricht das Investmentbanking-Abenteuer an, das den früheren Nukleus der Deutschland AG ins Verderben gestürzt hat. Die aggressiven Investmentbanker haben im bankinternen Kulturkampf gegen die konservativen Nadelstreifenbanker die Oberhand gewonnen und die Bank regelrecht ausgeplündert. Milliarden-Boni zeugen davon. Nun steckt die Deutsche Bank in einer Strategiefalle: Das Investmentbanking, das früher sagenhafte Gewinne garantierte, funktioniert nicht mehr. Und im Privat- und Firmenkundengeschäft ist man trotz Postbank einfach zu schwach. Dieses Geschäft dominieren Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Der Blick auf das zweite große private Geldhaus in Deutschland fällt ähnlich deprimierend aus. Die Commerzbank musste Ende 2008 mit Milliarden vom deutschen Staat gerettet werden. Ihr war die Übernahme der Dresdner Bank kurz vor der Lehman-Pleite zum Verhängnis geworden. Durch häufige Strategiewechsel verlor die Commerzbank mehr und mehr ihre Identität. Inzwischen ist sie stark geschrumpft und in die Bedeutungslosigkeit abgedriftet.

Für den Historiker Abelshauser gibt es daher mit Blick auf die deutsche Wirtschaft nur einen Weg in die Zukunft: Zurück zu den Wurzeln, zu dem Geschäft, das sich auf die Finanzierung der weltweit erfolgreichen Konzerne besinnt. Das erscheint aktuell der einzig gangbare Weg zu sein: Damit würde die fatale Fehlkonstruktion einer „Deutschen Commerzbank“ vermieden. Ein solcher Finanzmoloch wäre als systemrelevant einzustufen und müsste im Krisenfall vom Steuerzahler gerettet werden(„to big to fail“). Wer will das riskieren?

Vorsicht und Weitblick sind daher gefragt: Denn zehn Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers und der Beinahe-Kernschmelze des Finanzsystems mehren sich die Kassandra-Rufe, dass neues Ungemach droht. Hoch verschuldete Schwellenländer, eine Immobilien-Preisblase oder Trumps Rolle rückwärts bei der Bankenregulierung bergen Gefahrenpotenzial. Ist nach der Krise vor der nächsten Krise?

michael.balk@fnp.de Bericht auf Seite 4

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